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Die Sprache der Apathie132-180
An Sloterdijk lässt sich sehen, welche Auswirkungen die klassischen Untugenden der deutschen Philosophie - die Verweigerung von Realität und Empathie - im Zeitalter der nuklearen und thermischen Vernichtung der Menschheit zeitigen. Sloterdijk selbst ist nicht wichtig, er ist ein Blender; unser Interesse gilt nicht ihm, sondern dem geistigen Milieu, das er uns spiegelt.
1 — Die Vergasung der Juden - ein »Air-Conditioning«
Einige Jahre nach Heideggers Tod beschäftigte sich auch Sloterdijk mit der »viel beredeten Atombombe«. Es war das Jahr 1983. Die 68er-Revolte lag lange zurück, die Zeit der Blumenkinder auch. Von den alten, weißhaarigen deutschen Philosophieprofessoren war schon in den siebziger Jahren nichts mehr zu hören; sie rieben sich noch an den Postmarxisten, aber die Kontroversen versandeten schließlich in den philosophischen Seminaren.
In dieser Zeit sinnentleerter Diskurse gründete der indische Guru Bhagwan nahe der Stadt Poona (Pune) in einem Ashram die sogenannte Neo-Sannyas-Bewegung,93 die der desorientierten jüngeren Generation des Westens Sinnstiftungen versprach. In Oshos Ashram trugen die Sannyas die Uniform der Bhagwan-Bewegung, eine orangefarbene, nachthemdartige Soutane und die Mala, eine Holzkette mit dem Bild des lächelnden Meisters.
Auch Sloterdijk war nach Poona gepilgert in Oshos Ashram. Als er nach Deutschland zurückkehrte, war die Zeit der großen Demonstrationen gegen die Stationierung nuklearer Vernichtungswaffen und Atomreaktoren in der Bundesrepublik. Das westliche Militärbündnis hatte entschieden, Missiles mit nuklearen Sprengköpfen in der Bundesrepublik zu stationieren, um einen finalen nuklearen Angriff oder Gegenangriff auf die Sowjetunion zu ermöglichen. Aber Angriffe und Vernichtungskriege, das war nichts für Peter Sloterdijk. Wie den meisten Sannyassins war es ihm genehmer, die Kämpfe der Klassen und die Kriege der Völker von ihrer feinstofflichen Seite zu betrachten. Und die Sterne standen günstig: Nach dem antiautoritären Aufstand der 68-er war die Philosophie sprachlos geworden. Und so trat Sloterdijk den Atomgegnern mit dem Gestus eines Zen-Meisters entgegen. »Die Bombe« sei »der einzige Buddha, den auch die westliche Vernunft versteht«, > sie müsse »zum Medium der Selbsterfahrung werden«:
93 Bhagwan war ein indischer Guru, der ursprünglich Chandra Mohan Jain hieß, sich dann Acharya Rajneesh nannte, danach Bhagwan Shree Rajneesh und schließlich Osho.
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Alle Geheimnisse liegen in der Kunst des Nachgebens, des Nichtwiderstehens. Meditation und Abrüstung entdecken eine strategische Gemeinsamkeit. Wenn das nicht ein ironisches Resultat der Modernität ist! Große Politik ist heute letztlich Meditation über die Bombe.94
Und was ist nach Sloterdijk die »Erfahrung von Hiroshima und Nagasaki«?
Man macht Atombomben, um sie nicht zu verwenden. Das geht, solange die Besitzer Staatsmächte sind. Aber auch wenn sie irrreguläre Besitzer haben, ist das noch keine definitive Bedrohung. Das könnte allenfalls zu einer einmaligen Operation führen. Das absolut Böse wäre das, was nur einmal geschehen kann. Und bis heute sieht es so aus, als würde es nach diesem einen Mal immer noch einen Tag danach geben, an dem die Menschheit weitermachen kann. Die Erfahrung von Hiroshima und Nagasaki ist, dass an derselben Stelle wieder eine blühende Stadt steht.95
Als sich Sloterdijk in der philosophischen Szene etabliert hatte, konnte er es sich leisten, seine Methode, die Schrecken der Kriege und Völkermorde mit einer pathetischen Sprache zu betäuben, auf die Shoa anzuwenden. Sloterdijks Buch »Luftbeben. An den Quellen des Terrors« beginnt mit folgendem Satz:
Sollte man mit einem Satz und einem Minimum an Ausdrücken sagen, was das 20. Jahrhundert, neben seinen inkommensurablen Leistungen in den Künsten, an unverwechselbar eigentümlichen Merkmalen in die Geschichte der Zivilisation eingebracht hat, so könnte die Antwort wohl mit drei Kriterien auskommen. Wer die Originalität dieser Epoche verstehen will, muß in Betracht ziehen: die Praxis des Terrorismus, das Konzept des Produktdesigns und den Umweltgedanken.96
94 Peter Sloterdijk: Kritik der zynischen Vernunft, Frankfurt/M. 1983, S. 259 f.
95 Peter Sloterdijk, in: BZ vom 23.10.2006; https://www.bz-berlin.de/artikel-archiv/peter-sloterdijk (letzter Zugriff 10.05.2018).
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Mit diesem Ansatz verfolgt Sloterdijk in seinem Buch den Völkermord an den europäischen Juden:
Aus den Hinweisen auf die atmoterroristischen Prozeduren des Gaskrieges (1915-1918) und des genozidischen Gas-Exterminismus (1941-1945) treten die Umrisse einer Son-derklimatologie hervor. Mit ihr wird aktive Atemluftmanipulation zur Kultursache, wenn auch zunächst nur in der destruktiven Dimension. Sie trägt von Anfang an die Züge eines designerischen Zugriffs, durch den mehr oder weniger exakt abgrenzbare Mikroklimata des Todes von Menschen für Menschen entworfen und lege artis hergestellt werden. Aus diesem »negativen Air Conditioning« lassen sich Aufschlüsse über den Prozeß der Moderne als Atmosphären-Explikation gewinnen.97
Als unverwechselbares Merkmal der Kriege und Völkermorde des 20. Jahrhunderts definiert Sloterdijk »das Konzept des Produktdesigns«. Der »genozidische Exterminismus«, also die Judenvernichtung, trägt »von Anfang an die Züge eines designerischen Zugriffs« - allerdings »zunächst nur in der destruktiven Dimension«, was wohl als Trost gemeint ist; immerhin dürfen wir auf die »konstruktive Dimension« der Judenvernichtung hoffen.
Sloterdijk weitet seinen Ansatz, dass die Judenvergasung »negatives Airconditioning« war, aus zu einer universellen Theorie über die »Quellen des Terrors« im 20. Jahrhundert. Er hat als tödliche Gefahr der Kriegsführung nicht den Nuklearkrieg ausgemacht, sondern den Gaskrieg. Die Büchse der Pandora öffnete sich nach Sloterdijk genau am 22. April 1915, als die deutschen Westarmeen gegen den Kriegsgegner erstmals Chlorgas einsetzten. Hieraus leitete Sloterdijk die Aussage ab, dass »aerochemische, atom- oder atmoterroristische Präzisi-
96 Peter Sloterdijk: Luftbeben. An den Quellen des Terrors, Frankfurt/M. 2015, S. 7.
97 Ibid., S. 47.
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onsschläge« die »Ökologisierung der Kriegsführung«, also die Zerstörung des Lebensumfeldes des Feindes, bewirkten. Letztlich, so sagt Sloterdijk, ginge es um die »Atembarkeit von Luft«, die seit den »Ereignissen von Hiroshima und Nagasaki dauerthematisch« festgehalten werden müsse:
Man wird das 20. Jahrhundert als das Zeitalter in Erinnerung behalten, dessen entscheidender Gedanke darin bestand, nicht mehr auf den Körper des Feindes, sondern auf dessen Umwelt zu zielen.98
Sloterdijk nennt das »Atmoterrorismus«, »das atmoterroris-tische Muster«. »Atmos« ist ein altgriechischer Begriff und bedeutet so viel wie »Dunst« oder »Umgebung«. »Terrorismus« stammt aus dem Lateinischen: »terror« bedeutet so viel wie »Furcht«, »Schrecken«. Unter dem Pathos der Sprache werden die »atmoterroristischen Prozeduren« des Gaskrieges im Jahre 1915 mit der »genozidischen Gas-Exterminierung«, also der Vernichtung der europäischen Juden, in eins gesetzt und zum »negativen Air Conditioning« geadelt. Wie bei Heidegger alles »Ge-stell« ist - vom Pflug bis zum Verbrennungsofen -, ist bei Sloterdijk alles »Air-Conditioning«, die kühle Luft der Klimaanlage und das Zyklon B der Gaskammer.
2 — Der Tambourmajor
Adorno hat im Jahre 1964 Heideggers philosophische Methode in einer Sprachanalyse untersucht. Heidegger benutze »Jargonworte, unabhängig vom Kontext wie vom begrifflichen Inhalt«, es seien, so Adorno, »Sakralworte ohne sakralen Gehalt, gefrorene Emanationen«, die Höheres sagten als sie bedeuten.
Unablässig blähen sich Ausdrücke und Situationen eines meist nicht mehr existierenden Alltags auf, als wären sie ermächtigt und verbürgt von einem Absoluten."
98 Ibid, S. 12.
99 Theodor W. Adorno: Jargon der Eigentlichkeit, op. cit., S. 420.
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Durch ihre Unverbindlichkeit werde die Sprache disponibel und im »paramilitärischen« Kontext »einsatzbereit« gemacht; Worte und Begriffe werden zu »austauschbaren Spielmarken«, die einen »vermeintlichen Ursinn« offenbarten.100 Adorno hatte - wie auch Friedrich Nietzsche - einen tiefen Zugang zur Universalität der Musik, ohne den eine ernsthafte philosophische Rede undenkbar ist. Musik hat alles: Melodik, Rhythmik, Modulation, innere Spannung, den Kontrapunkt, die Ritardandi, die Dynamik, die Variationen der Tempi, die Synkopen, das Tongeschlecht, die Kadenzen, die Dissonanz und die Harmonie, das Maß und die Zerstörung des Maßes.
Nichts von alledem bei Sloterdijk. Das Konzert seiner Sprache ist orchestriert von einer Marschkapelle. Es gibt es nur Pauken und Trompeten, vorneweg marschiert der Tambourmajor und sticht den Regiestock in die Luft. Ob Sloterdijk über Terrorismus redet oder Meditation, Atomkriege oder Schäume, Völkermorde oder Buddhismus: seine Dynamik kennt nur das Fortissimo, ein permanentes Hämmern an der Schmerzschwelle. Sein Rhythmus ist ein gleichförmiges Stakkato, wie es sich für eine Marschkapelle gehört; kein Piano, kein Lento, kein Ri-tardando, kein Kontrapunkt und keine Synkopen: Es herrscht dauernd Höchstspannung, alles wird von atemlosen Sprachkaskaden niedergemacht.
Gespenstisch ist, wenn die Musik selbst zum Gegenstand der amusikalischen Sprache wird. Zuletzt hat sich Sloterdijk an Mozart herangemacht und an Richard Wagner, aber von Musik ist nicht die Rede. Sloterdijk verhandelt den »Ring« und die »Zauberflöte« als Sprachtexte, als seien es keine Opern, sondern Dramen.10'
Sloterdijks Wirkung beruht darauf, die Leser durch eine pathetisch aufgeladene Sprache zu überwältigen. Permanent wirft er Neologismen aus, graeco-romanische Bastarde, die losgelöst sind von Inhalt, Kontext und etymologischem Sinn. Den Nachschub sichert eine speziell entwickelte Thesaurus-Software, eine Künstliche Intelligenz, die für Sloterdijks Bücher philosophische und wissenschaftliche Begriffe in toxische
100 Ibid., S. 418 f.
101 Vgl. Peter Sloterdijk: Nach Gott, Berlin 2017, S. 17-25 und S. 31 ff.
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