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  Rezept und Realität   

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Vor einigen Jahren besuchte ich in den Bergen von Luzon, der nördlichen Hauptinsel der Philippinen, ein Gebiet, in dem mit westdeutschen Entwicklungs­geldern großflächige Wiederaufforstungen zur Erosions­bekämpfung durchgeführt werden. Die mit der Kampagne verbundenen Mühen und die von allen Beteiligten aufgebrachte Geduld machten auf mich einen großen Eindruck.

In einer speziellen Baumschule werden zunächst winzige Stecklinge einer Pinienart einzeln in kleine Töpfe gepflanzt. Nach einjähriger Pflege setzt man sie in größere Töpfe um. Das wird vier Jahre lang wiederholt, bis die dann etwa achtzig Zentimeter großen Jungbäume stark genug sind, um ohne Pflege in der Freiheit überleben zu können. Wenn es soweit ist, werden sie von Arbeiterkolonnen verpflanzt, die in der ausgewählten Region für jeden einzelnen Jungbaum ein Loch graben, das mit gedüngter Erde zugeschüttet und zuletzt mit mühsam herangeschlepptem Wasser angegossen wird. Zehntausende kleiner Bäumchen sind so in den vergangenen Jahren geduldig aufgezogen und schließlich in die freie Natur verpflanzt worden in der Hoffnung, daß auf kahlgeschlagenen Hängen, deren ungeschützter Boden während der Regenzeit jedesmal abgeschwemmt zu werden droht, im Ablauf der Jahre wieder ein »Wald« entsteht.

An jedem Abend bot sich uns auf der Rückfahrt ins Hotel aber auch der immer wieder gleiche Anblick von mindestens einem halben Dutzend Rauchfahnen, die aus bislang noch intakten Stellen des Bergwaldes links und rechts von der Straße aufstiegen. Es waren Waldbrände, absichtlich gelegt, regelmäßig kurz vor Eintritt der Dunkelheit, da die hereinbrechende Nacht die Ergreifung der Täter — denen schwerste Strafen drohten — unmöglich machte. Wer die Brandstifter waren, wußte jeder. Es waren bitterarme »Squatter«, landlose Bauern, die sich irgendwo im »Niemandsland« des Bergwaldes ein kleines Feld freigerodet hatten und die jetzt an willkürlichen Stellen Wald abbrannten, damit ihre Ziege oder ihre Kuh später das an dieser Stelle nachwachsende kümmerliche Gras fressen konnte. Es war nicht zu übersehen, daß die Brandstifter mit ihrer Arbeit rascher vorankamen als die Mitarbeiter der Baumschule.

Eines Tages nahmen wir Kontakt mit einer solchen Squatterfamilie auf. Ein kleines Geldgeschenk und Schokolade für die Kinder halfen, anfängliches Mißtrauen abzubauen. Wir konnten ihren Tageslauf aus der Nähe unauf­fällig verfolgen. 

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Eine kümmerliche, mit rostigem Wellblech gedeckte Hütte. Ein einziger Raum für Eltern und drei Kinder. Vor der Behausung ein penibel gepflegter kleiner Gemüsegarten. Auf der Rückseite ein karges Feld, auf dem die Familien­mitglieder sich wahrhaft »im Schweiße ihres Angesichtes« abplagten. Geräte gab es außer Spaten oder Hacke nicht. Gegen Abend schickte der Vater die halbflüggen Kinder in den Wald, um Holz zu holen. Es sollte eine (fleischlose) Gemüsesuppe geben.

Wir folgten den Kindern unauffällig. In der näheren Umgebung gab es längst kein Holz mehr, das sie hätten sammeln können. Aber sie wußten sich zu helfen. Nach einer halben Stunde kamen sie an eine Schonung, welche die Wieder­aufforstungskolonne vor vielleicht zehn Jahren angelegt hatte. Hier gelang es ihnen, mit dem für sie eigentlich noch zu schweren Hackmesser Äste abzuschlagen und schließlich zwei kleine Bündel Feuerholz zu ernten, die von den Eltern mit sichtlicher Befriedigung in Empfang genommen wurden.

Was hätte ich dem Familienvater sagen sollen? Wenn wir uns miteinander hätten verständigen können, wäre es vielleicht sogar möglich gewesen, ihm klarzumachen, daß diese Art der Waldnutzung auf lange Sicht auch seine eigene Existenz und die seiner Schicksalsgenossen gefährdete. Fortschreitende Erosion macht auch eine noch so kümmerliche Landwirtschaft unmöglich. Aber selbst wenn er begriffen hätte, daß er in eine »Rationalitäten­falle« gestolpert war, würde das kaum genügt haben, ihn dazu zu bewegen, auf die »Externalisierung« der von seiner Familie verursachten Schäden zu verzichten. Denn für ihn und die Seinen, die auf dem ungeeigneten Waldboden bis zur Erschöpfung schufteten, war die nur auf diese Weise erhältliche einzige warme Mahlzeit am Tag eine unverzichtbare Überlebensbedingung.

Solange man so satt ist, wie wir es (noch) sind, kann Konsumverzicht als rationale Empfehlung gelten. Da läßt sich von Produzenten und Konsumenten mit uneingeschränktem Recht verlangen, sie hätten gefälligst alle durch ihr Verhalten entstehenden Kosten selbst zu tragen. 

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Für einen philippinischen Squatter aber gelten Überlebensbedingungen, die dieselbe Forderung zum blanken Zynismus werden lassen. Es mag ja sein, daß er, wie wir auch, dabei ist, mit seinem Verhalten »seine Enkel zu ermorden«. Im Unterschied zu uns könnte er diesen Vorhalt aber mit dem unwiderlegbaren Einwand parieren, daß er sich und seine Familie schon heute zum Tode verurteilen würde, wenn er darauf Rücksicht nähme.

Der Vorschlag, den Umweltschutz durch den Zwang zur Übernahme aller selbst verursachten Folgekosten marktwirtschaftlich gleichsam zu »automatisieren«, wirkt im ersten Augenblick wie das legendäre »Ei des Kolumbus«. Unter einer globalen Perspektive kommt er angesichts des heutigen Zustandes der Welt aber bereits zu spät. Weite Regionen der Erde, vor allem die sogenannten Entwicklungsländer, sind längst in eine Situation geraten, in der eine solche Aufforderung wie reinster Hohn wirken würde. Das ändert nichts daran, daß es dringend angebracht wäre, das »Verursacherprinzip« überall dort, wo das noch sinnvoll ist, so schnell wie möglich gesetzlich zu etablieren. Je länger unsere Industriegesellschaft zögert, je länger sie sich unter dem Druck von Gruppeninteressen davon abhalten läßt, das zu tun, um so größer ist ihr Versagen vor einer der wichtigsten Aufgaben unserer Zeit.

Vor der Situation des Squatters aber versagt die Zauberformel. Unwirksam ist sie auch angesichts der nordindischen Bauern­familie, die den kümmerlichen Wald am Fuße des Himalaya ruiniert, indem sie nicht nur Brennholz, sondern - durch das »Schneiteln« aller frischen Asttriebe - mangels anderer Quellen auch Viehfutter aus ihm bezieht. Kann der Hinweis auf die galoppierende Erosion in diesem Gebiet und die nachfolgenden Flutkatastrophen in den südlichen Landesteilen als überzeugendes Argument gelten für Menschen, die andernfalls mit anzusehen hätten, wie ihre Angehörigen verhungern? 

Auch den afrikanischen Wilderer, der am Rande des von den satten weißen Männern entgegen­kommender­weise angelegten Naturparks sein Dasein fristet, wird die zwingende Logik des »Verursacher­prinzips« nur wenig beeindrucken. Solange jedenfalls nicht, wie der Verzicht auf das Erlegen der ihm so verlockend vor die Nase gesetzten Beute die Zahl der Hungertoten in seinem Stamm unweigerlich in die Höhe schnellen ließe. Sie alle verschone man folglich mit Forderungen á la Prosi oder Scherhorn.

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Wie sehr diese Einsicht das Verursacherprinzip im weltweiten Rahmen relativiert, läßt sich ermessen, wenn man berücksichtigt, daß wir damit weit über die Hälfte aller heute lebenden Menschen von seiner Anwendung ausgenommen haben: Nur etwas mehr als eine Milliarde Menschen lebt heute als Bürger eines entwickelten Industrielandes mehr oder weniger angenehm, drei Milliarden aber — von denen freilich nicht alle chronisch hungern, wie beschwichtigend hinzugefügt sei — in einem der sogenannten Entwicklungs­länder. Ihr Anteil wird überdies rasch zunehmen: Im Jahre 2000 wird ihre Zahl nach den Voraussagen der Demoskopen schon auf rund fünf Milliarden angestiegen sein, gegenüber nur 1,2 Milliarden Einwohnern der Industrieländer. So überzeugend sich das Verursacherprinzip auch immer begründen läßt, dieser Realität gegenüber verliert es seine Kraft.

Aber ist das wirklich schon das Ende der Argumentationskette? Soweit es um die praktischen Aspekte geht, um die konkreten Realisierungs­möglichkeiten, wird man die Frage bejahen müssen. Eine konsequente Durch­setzung des Verursacherprinzips in den Ländern der sogenannten »Dritten Welt« liefe in der Realität auf Völkermord hinaus.

Trotzdem dürfen wir uns nicht damit zufriedengeben, an diesem Punkt das Weiterdenken erleichtert einzustellen — etwa in dem Gefühl, wir könnten angesichts eines offenbar unlösbaren Problems unsere Hände in Unschuld waschen. Denn unsere Ausgangs­frage ist zu eng gefaßt. Wir dürfen sie nicht allein auf den philippinischen Squatter, den indischen Bergbauern und den afrikanischen Wilderer beziehen. Wir machen es uns zu einfach, wenn wir die Wurzel des Übels in den ökologisch verheerenden Methoden sehen, mit denen sie und Milliarden ihrer Schicksalsgenossen versuchen, den ihnen drohenden Tod auf die nächste oder übernächste Generation »abzuwälzen«. Es muß die Frage gestellt werden, welche Umstände es eigentlich sind, die sie zuallererst in diese Situation gebracht haben. 

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Eine Lage, in der eine rücksichtslose »Kostenexternalisierung« zum schlichten Akt der Notwehr geworden ist. Wir brauchen die Ursachenkette nur um ein einziges Glied weiter nach rückwärts zu verfolgen, um auf die Frage zu stoßen, ob es nicht vielleicht einen »Verursacher« gibt, der für ihre Situation verantwortlich ist und der daher, dem ausführlich erläuterten Prinzip entsprechend, in die Pflicht zu nehmen wäre.

Es ist - man muß das in aller Deutlichkeit aussprechen - ohne den geringsten Zweifel eine unzulässige Verkürzung, wenn man das Elend der Dritten Welt einfach zur Folge einer »nachkolonialen Ausbeutung durch westlichen Wirtschafts­imperialismus« erklärt. Wer so redet, macht es denen, an die der Vorwurf sich richtet, allzu leicht, einfach wegzuhören. Ärgerlich ist an dieser in bestimmten Kreisen gängigen Formulierung allein schon die von der Wortwahl implizierte Unterstellung einer ausschließlichen Verantwortung der kapitalistischen Gesellschaft.

Wer den Vorwurf als Marxist bewußt erhebt, muß sich pharisäerhafte Selbst­gerechtigkeit vorwerfen lassen. Denn daß es den vom sogenannten »sozialistischen« Block wirtschaftlich abhängigen Entwicklungs­ländern wesentlich besser ginge, läßt sich ja beim besten Willen nicht behaupten. Denkt man an die Lage im Südjemen, in Äthiopien, Mozambique oder Angola, ja selbst an das von östlicher Unterstützung längst total abhängige Kuba, dann scheint eher das Gegenteil der Fall zu sein. Die Meinung, daß östliche Entwicklungshilfe der westlichen moralisch überlegen sei, kann ohnehin nur einem ideologisch benebelten Kopf entsprießen. Denn es ist unbestritten, daß sich die östliche »Hilfe« vor allem in der Versuchung zum Einkauf moderner Waffensysteme manifestiert.

Keine noch so demagogische Propaganda aber kann uns als Alibi dienen. So unsinnig und durchsichtig diese ideologisch motivierten Versuche einer einseitigen Schuldzuweisung sein mögen, sie entheben uns nicht der Verpflichtung, die Frage nach der Verantwortung zu stellen, die wir wirklich tragen mögen. Trifft der »Raubbau an der Natur«, um dessen Gegenwert unser Wohlstand »überhöht« ist, etwa nicht auch die Entwicklungsländer? 

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Trifft er sie nicht noch einschneidender, als es bei uns selbst der Fall ist? Gewiß, die Vorstellung, daß sich da einige skrupellose Wirtschaftsimperialisten die Köpfe darüber zergrübelten, wie sich die armen Menschen in der farbigen Welt am gründlichsten ausbeuten ließen, ist kindlich. (Wobei andererseits in Rechnung zu stellen ist, daß es Haifische dieser Kategorie ganz sicher gibt.)

Was tatsächlich geschieht, in viel größerem Umfange, generell und mit ganz unpersönlich permanenter Präzision, ist, was die Folgen angeht, viel schlimmer. Ohne daß - von Ausnahmen abgesehen - konkrete Individuen anzuklagen wären, ja ohne daß überhaupt eine moralisch anrüchige individuelle Entscheidung ins Spiel zu kommen brauchte, wirkt sich hier eine Automatik aus, für die wir die Verantwortung zu tragen haben. Das Prinzip der »Kostenexternalisierung«, Erfolgsrezept unserer freiheitlichen Wirtschaftsordnung, führt gleichsam selbsttätig zur Ausplünderung der Entwicklungsländer. Indem wir auch ihren Boden, ihre Rohstoffe und ihre Wälder für vogelfrei erklären, können diese zu den für uns vorteilhaftesten Preisen unseren Wohlstand mehren. Die externalisierten Kosten dieses ganz legalen »Tauschgeschäfts« werden den Entwicklungsländern aufgehalst. Ihre Ressourcen jedoch und die auf ihren Ackern auf unseren Wunsch gepflanzten Produkte — Ananas und Bananen oder Erdnüsse und Mais zur Mästung unserer Schweine und Rinder — fallen uns zu.

»Ich war hungrig, und ihr habt meine Nahrungsmittel eurem Vieh gefüttert. Ich war hungrig, und eure Konzerne pflanzten auf meinen besten Böden eure Wintertomaten. Ich war hungrig, und ihr wolltet nicht auf das Steak aus Südamerika verzichten. Ich war hungrig, aber wo Reis für meine tägliche Mahlzeit wachsen könnte, wird Tee für euch angebaut. Ich war hungrig, aber auf meinem Land werden exotische Früchte für eure Schlemmer gezüchtet.«

Unser Wohlstand beruht nach der unwiderlegten - und unwidersprochenen - Ansicht aller Sachkenner nicht unwesentlich auf dem Elend der Menschen in der sogenannten »Dritten Welt«.105

Das ist keine Verleumdung und keine Beschimpfung. Es ist eine nüchterne Beschreibung der Art der Wirtschaftsbeziehungen, wie sie sich unter dem Einfluß der Spielregeln unseres markt­wirt­schaftlichen Systems zwischen den Drittwelt-Ländern und unserem Teil der Welt selbsttätig und ganz unvermeidlich herausgebildet haben. Dies ist die Form, in der sich »Kosten­externalisierung« im globalen Rahmen zwischen Gesellschaften unterschied­licher Wirtschaftskraft konkret abspielt.

Angesichts dieser Tatsachen muß sich unsere Gesellschaft in absehbarer Zeit entscheiden, ob sie ihren Anspruch auf ein christliches Selbstverständnis aufgeben oder ob sie ihre Wirtschaftsordnung in einer Weise reformieren will, die derartige Konsequenzen ausschließt. Es ist unfrommer Selbstbetrug oder reine Heuchelei, weiterhin so zu tun, als ob sich beides unter einen Hut bringen ließe. »Christentum und kapitalistische Ordnungsstruktur sind miteinander nicht nur unvereinbar, sondern einander entgegengesetzt«, stellt der namhafte katholische Theologe Rupert Lay SJ unverblümt fest.(106)   wikipedia  Rupert_Lay 19929-2023

Solange die gegenwärtige Regelung weiterbesteht, können jedenfalls weder noch so zahlreiche Spenden für »Misereor«, »Brot für die Welt« oder eine der anderen zahlreichen Hilfsorganisationen noch staatliche Entwicklungs­projekte auch nur ein Quentchen der Mitschuld abtragen, die wir angesichts der Verelendung der farbigen Welt auf uns laden. Solange werden insbesondere unsere Spenden vor allem nur die eine Wirkung haben: die Zahl der künftigen Hungertoten von bisher vierzig Millionen Menschen in jedem Jahr auf ein Vielfaches dieser Größenordnung anschwellen zu lassen. Denn für jedes einzelne der Kinder, die wir heute vor dem Hungertod bewahren, wird es in der nächsten Generation vier oder fünf oder sechs Kinder geben. 

Dazu aber, auch diese dann wieder vor dem Verhungern zu bewahren, wird die vereinte Kraft aller Hilfs­organi­sationen dieser Erde nicht mehr ausreichen. Es sei denn, die wirtschaftliche und politische Organisation der Welt hätte sich bis dahin von Grund auf gewandelt. Dazu aber müßten die Weichen heute schon gestellt werden, und zwar von uns. Solange wir uns dazu nicht aufraffen, dienen unsere Spenden letztlich daher nicht den von Hunger und Dürrekatastrophen heimgesuchten Ländern der Dritten Welt, sondern in Wirklichkeit einzig und allein der Beruhigung unseres eigenen Gewissens. 

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