Stiefkind der Strategen: Die "biologische" Kriegführung
67-71
Man sollte eigentlich denken, das alles sei genug. Denen jedoch, die in unserer arbeitsteilig organisierten Gesellschaft für die Entwicklung und Bereitstellung kriegerisch nutzbarer Vernichtungsmittel zuständig sind, genügt es offensichtlich noch keineswegs. Sie haben sich, als würden sie von dem unstillbaren Verlangen getrieben, beim nächsten Mal aber wirklich ein für alle Male reinen Tisch machen zu können, noch sehr viel mehr einfallen lassen. Sie haben, sozusagen, nicht nur A gesagt, sondern B und C gleich noch dazu.
Wer die Gefahren abschätzen möchte, die von einem erneuten Weltkrieg heraufbeschworen werden würden, darf daher nicht, wie es in der öffentlichen Diskussion erstaunlicherweise meist der Fall ist, ignorieren, was die moderne Pandora außer dem nuklearen Schrecken sonst noch für uns bereithält.
Vor einer "biologischen" Kriegführung freilich brauchen wir uns, wenn nicht alles täuscht, nicht allzusehr zu fürchten. Es spricht für sich, daß die beiden Blöcke sich schon 1972 rasch und einvernehmlich darauf geeinigt haben, "biologische Waffen" zu ächten und nicht erst ihre Anwendung, sondern schon ihre Herstellung und ihren bloßen Besitz zu verbieten. Als solides Argument zur Beruhigung kann dabei freilich nicht etwa das Verbot selbst gelten. Dies um so weniger, als beide Seiten sich wieder einmal nicht zu einer Kontrolle seiner Einhaltung durch unabhängige, neutrale Inspektoren an Ort und Stelle haben durchringen können. Den Ausschlag gab abermals die durch keine Verfahrensweise zu überwindende sowjetische Spionagephobie.
Beruhigend allein ist das Motiv, das hinter der vergleichbar problemlosen Verbotsübereinkunft zu vermuten ist.
Biologische "Waffen" - also zum Beispiel hochinfektiöse Bakterien oder Viren - sind unbestreitbar äußerst wirkungsvoll. Sie setzen auch den Gegner, den sie nicht töten, wenigstens vorübergehend außer Gefecht. Vor allem anderen aber zwingen sie die gegnerische Seite zur Einführung schwerfälliger und entsprechend hinderlicher Quarantänemaßnahmen und belasten sie mit der Pflege und der medizinischen Betreuung der Infizierten.
Alle diese "Vorzüge" werden nun jedoch durch eine weitere Eigentümlichkeit einer jeden sich epidemisch ausbreitenden Infektion - und eine andere wäre als "Waffe" ja uninteressant - wieder aufgehoben. Denn ob spontan auftretend, wie die "asiatische Grippe", oder in aggressiver Absicht im gegnerischen Lager entfacht: Ist die Seuche einmal ausgebrochen, kann sie auf keine Weise mehr gesteuert werden. Insbesondere gibt es keine Methode, ihr den Weg vorzuschreiben, den sie im Verlaufe ihrer Ausbreitung nimmt.
Wer mit einer "Waffe" dieser Art angreift, muß daher prinzipiell darauf gefaßt sein, daß der auf den Feind gemünzte Effekt früher oder später auch ihn selbst erfaßt. Dieses Risiko bildet ein Wesensmerkmal einer jeden sich epidemisch ausbreitenden Infektion. Daher dürfte es den beiden Kontrahenten seinerzeit nicht allzu schwer gefallen sein, auf die wechselseitige Anwendung dieses Übels einvernehmlich zu verzichten.
68
Jedoch vergiftet allein die Unmöglichkeit der Kontrolle das Verhältnis der beiden Supermächte längst auch auf diesem Terrain. 1982 erhob der amerikanische Verteidigungsminister Caspar Weinberger in seinem Jahresbericht an den Kongreß den Vorwurf, die UdSSR habe die Vereinbarung über die Nichtherstellung biologischer Waffen gebrochen. Anlaß der Beschuldigung war der vom amerikanischen Nachrichtendienst festgestellte Ausbruch einer regionalen Milzbrandepidemie in Swerdlowsk. Weinberger behauptete, die näheren Umstände sprächen dafür, daß die Infektion von einer militärischen Institution ihren Ausgang genommen habe.
Die Implikation schien auf der Hand zu liegen: Offenbar war es in einem militärischen Zwecken dienenden Laboratorium zu einem Unfall mit Anthrax-Bazillen, den Erregern des Milzbrands, gekommen. Daß es allen Grund gab, sich gerade vor dieser Erregerart zu fürchten, wußte man im Westen nur zu gut: 1941 hatten die Engländer eine mit Anthrax-Bazillen beladene Bombe auf einer kleinen schottischen Insel ausprobiert. Wie die Wirkung damals war und wie man sie kontrolliert hat, ist nie veröffentlicht worden. Tatsache ist andererseits, daß die Insel bis auf den heutigen Tag so verseucht ist, daß noch immer niemand sie betreten darf.
Die Russen gaben nach längerem Hin und Her einen Zwischenfall mit Anthrax-Erregern schließlich sogar zu. Sie bestritten jedoch jeglichen militärischen Zusammenhang. Ihrer Darstellung nach bestand die Ursache der lokalen Epidemie darin, daß in einer Fleischfabrik mit infiziertem Rindfleisch unsachgemäß umgegangen worden war. In der von Mißtrauen und gegenseitiger Furcht vergifteten Atmosphäre hielt alle Welt das für eine durchsichtige Ausrede.
Inzwischen hat sich jedoch herausgestellt, daß die sowjetische Auskunft aller Wahrscheinlichkeit nach zutraf. Zufällig nämlich hielt ein amerikanischer, an der North Western University in Chicago lehrender Physiker just während der Zeit des Anthrax-Zwischenfalls über mehrere Monate hinweg als Gastprofessor Vorlesungen in Swerdlowsk. Als er, wieder heimgekehrt, von Journalisten interviewt wurde, ergab sich, daß er von der ganzen Angelegenheit nichts mitbekommen hatte.
69
Es ließ sich sogar rekonstruieren, daß er an dem von den Amerikanern verdächtigten Gebäudekomplex vorbeigekommen war, ohne daß ihm irgendwelche besonderen Sicherheitsmaßnahmen aufgefallen wären. Das alles ist mit der Annahme eines Unfalls in einem der biologischen Kriegführung dienenden Laboratorium natürlich kaum vereinbar.
Ein zweites Beispiel dieser Art betrifft den nach amerikanischer Ansicht bis heute nicht wirklich ausgeräumten Verdacht, die Russen hätten die in Kambodscha eindringenden Vietnamesen versuchshalber mit Mykotoxinen ausgestattet. Dabei handelt es sich um hochgiftige Substanzen, die aus bestimmten Pilzen gewonnen werden können, vor allem die sogenannten Trichothäzene. Die Vietnamesen hätten, so die amerikanischen Quellen, diese biologischen Giftstoffe von Flugzeugen aus versprüht, so daß sie als "gelber Regen" auf die Kambodschaner niedergegangen seien.
Anlaß dieser Beschuldigung waren Beobachtungen, die kambodschanische Flüchtlinge gemacht haben wollten, und einige vom CIA an den entsprechenden Lokalitäten daraufhin entnommene Boden- und Vegetationsproben. Insbesondere die Untersuchung der auf diese Weise beschafften Blätter schien den Verdacht zu bestätigen: Auf ihrer Oberfläche wurden winzige gelbliche Körner entdeckt, in denen sich, allerdings nur in einigen Fällen, tatsächlich auch Trichothäzene nachweisen ließen. Schließlich gelang es dann sogar, die gleichen Toxine auch im Blut einiger der Flüchtlinge zu finden, die ihren Angaben nach wenige Wochen zuvor mit "gelbem Regen" angegriffen worden waren. Die Anklage schien damit wasserdicht begründet. Die Russen sahen sich vor aller Welt des Vertragsbruchs überführt.
Im Verlaufe des letzten Jahres (1984) verstummten die Anklagen dann aber wieder. Es kam ans Licht, daß alle Beschuldigungen, so lückenlos die Beweiskette auch zu sein schien, auf mehr als wackeligen Füßen standen. Die ersten Zweifel säten die beiden Harvard-Professoren Peter Ashton und Matthew Meselson. Sie stellten die — nach anfänglicher Skepsis schließlich allseits bestätigte — einigermaßen verblüffende Tatsache fest, daß es sich bei den verdächtigen gelben Pünktchen auf den Oberflächen der untersuchten Pflanzen um nichts anderes als ganz gewöhnlichen Bienenkot handelte.
70
Daß sich darin mitunter — ein weiteres Entlastungsmoment: nur in zehn Prozent der Fälle — Trichothäzene nachweisen ließen, beweist gar nichts. Diese Toxine kommen nämlich, ihrer biologischen Herkunft entsprechend, auch natürlich vor und werden von den Bienen dann gelegentlich in kleinen Mengen gefressen. Ganz offensichtlich waren überdies auch die untersuchten Flüchtlinge auf diesem Wege, und eben nicht mit Hilfe der Vietnamesen, zu dem in einigen Fällen in ihrem Blut gefundenen Toxin gekommen.
Im Verlaufe der weltweit in zivilen und militärischen Laboratorien durchgeführten Kontrollversuche ergab sich nämlich, daß Trichothäzene nach der Aufnahme innerhalb weniger Tage ausgeschieden werden und danach nicht mehr im Blut nachweisbar sind. Da die angeblichen Zwischenfälle mit "gelbem Regen" bei allen Fällen aber mindestens vier bis fünf Wochen zurücklagen, ist es sehr viel wahrscheinlicher, daß die Untersuchten die Toxinspuren, um die es sich handelte, erst wenige Tage vor den Bluttests, also schon im Flüchtlingslager — wahrscheinlich mit angeschimmelter Nahrung —, zu sich genommen hatten. Mit diesen Befunden brach der ganze "Fall" in sich zusammen, auch wenn die Amerikaner das in der UNO, vor deren Mitgliedern sie die östliche Supermacht öffentlich des Vertragsbruchs angeklagt hatten, bisher nicht offiziell zugegeben haben.25
Das alles liefert, wie wir nicht übersehen wollen, aufschlußreiche Hinweise auf die psychische Verfassung und das Verhältnis der beiden Mächte, von deren Umgang miteinander letztlich unser aller Schicksal abhängt. Wenn, andererseits, trotz allen Mißtrauens und ungeachtet allen Eifers der Geheimdienste bisher in Sachen "biologische Kriegführung" nur Legenden der geschilderten Art ans Tageslicht gefördert wurden, dürfen wir uns in der Vermutung bestätigt fühlen, daß diese spezielle Methode des gegenseitigen Umbringens offensichtlich nicht zu dem von den Militärs bevorzugten Instrumentarium gehört.
Ganz anders ist das dann aber wieder bei dem letzten der drei ominösen Buchstaben, beim "C". Die von der modernen Chemie gelieferten Vertilgungsmittel sind seit dem Ersten Weltkrieg in so ingeniöser Weise perfektioniert worden, daß keiner der beiden potentiellen Gegner sich bisher dazu entschließen mochte, auf ihre Anwendung ausdrücklich und ohne Einschränkungen zu verzichten.
71
#
wikipedia Fliegender_Holländer_(Sage)