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    Kernwaffen: Wie man Materie zur Explosion bringt - / -   Atomexplosion

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Die uns so undurchdringlich und fest erscheinende Materie besteht in Wirklichkeit zum größten Teil aus leerem Raum. Die Größe eines Atomkerns und sein Abstand von der ihn umgebenden Elektronenhülle sind maßstäblich dem Abstand vergleichbar, den ein großer Flugzeugträger von der englischen beziehungs­weise der amerikanischen Küste hat, wenn er sich gerade in der Mitte des Atlantiks befindet. Dazwischen ist nichts. 

Wenn man die Materie unseres Körpers so zusammenpressen würde, daß ihre Atomkerne wirklich "dicht an dicht" gepackt wären, dann schrumpften wir zu einer Materiekugel unterhalb der Sichtbarkeits­grenze zusammen, die auch dann allerdings immer noch so schwer wäre, wie es dem Gewicht unseres Körpers in seinem ursprünglichen Zustand entsprach. Daß das keine bloße Phantasterei ist, haben die Astronomen in den letzten Jahrzehnten herausgefunden.

Es gibt Sterne, deren Materie tatsächlich auf eine solch abnorme Dichte "zusammen­gebrochen" ist, die sogenannten Neutronen­sterne. Bei ihnen handelt es sich um ehemalige Sonnen, die nach dem Erlöschen des atomaren Feuers in ihrem Zentrum, das bis dahin den Kollaps verhinderte, unter ihrem eigenen Gewicht auf Kugeln mit einem Durchmesser von nur noch zehn oder zwanzig Kilometern geschrumpft sind. 

Ein Stück ihrer abnorm verdichteten Materie von der Größe einer Streichholzschachtel würde auf der Erde mehrere Millionen Tonnen wiegen und sofort durch die feste Erdkruste und den ganzen Erdmantel hindurchfallen, um erst im Erdmittelpunkt zur Ruhe zu kommen.

Normale Materie also besteht zu mehr als 99 Prozent gewissermaßen aus "nichts". Daß sie uns dennoch fest und undurchdringlich vorkommt, liegt einfach nur daran, daß wir ihre Festigkeit mit unseren Händen, mit Werkzeugen oder anderen Objekten zu beurteilen pflegen, die ja ebenfalls aus Materie bestehen. Der Fall liegt etwa so wie der von zwei Gewitterwolken, die, von einem heftigen Sturm getrieben, aufeinanderstoßen und sich dabei verformen, sich so gegenseitig ihre "undurchdringliche Festigkeit" beweisend. Was von dem "Beweis" in Wirklichkeit zu halten ist, wird sofort ersichtlich, wenn ein Vogel durch eine der beiden Wolken hindurchfliegt, ohne irgendeinen Widerstand zu spüren. Die Rolle dieses Vogels können im Falle der Materie zum Beispiel Röntgenstrahlen spielen oder die Teilchen der kosmischen Höhenstrahlung oder eben auch freie Neutronen in einem Stückchen Uran.

Wie groß ist deren Chance, dabei auf einen der winzigen Kerne der Atome zu treffen, aus denen das Materiestück besteht?

Ganz offensichtlich hängt das von der Länge des Weges ab, den sie zurückzulegen haben, bis sie den Uranbrocken durch seine Oberfläche hindurch verlassen. Wenn sie bis zu diesem Augenblick keinen Kern getroffen haben, ist das Spiel für sie zu Ende. Ihre Chance aber, vorher einen Treffer zu erzielen, ist verständlicherweise um so größer, je länger der Weg innerhalb des Urans ist, anders gesagt, je größer das Stück Uran ist, in dem sie freigesetzt wurden.

Wenn man weiß, wie groß ein Atomkern ist — einhundert Milliarden von ihnen ergeben nebeneinander­gelegt eine Strecke von etwa einem Millimeter — und wie viele Atome sich in einem bestimmten Volumen befinden, dann kann man die "mittlere freie Wegstrecke" eines Neutrons berechnen, die Strecke also, die es etwa in einem Stück Uran im Durchschnitt zurücklegen muß, bis es einen Atomkern so voll trifft, daß es ihn ausein­anderbrechen läßt.

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Die Größe, die das Uranstück mindestens haben muß, damit die Wege (und damit die Trefferchancen) für die in seinem Inneren umherschwirrenden Neutronen lang genug sind, um eine anwachsende Neutronenzahl entstehen zu lassen, nennen die Physiker seine "kritische" Größe oder Masse. Immer dann also, wenn diese "kritische" Größe überschritten wird, kommt im Uran die beschriebene Kettenreaktion in Gang, mit anderen Worten: Es kommt zur "Atomexplosion".

Aber da gab es noch weitere Schwierigkeiten. Es läßt sich leicht erklären, warum das auf der Erde natürlich vorkommende Uran nicht atomar explodiert. Es ist in der Erdkruste so dünn verteilt, daß nirgendwo auch nur annähernd seine kritische Masse erreicht wird. Die granithaltigen Schichten der Erdkruste, in denen es vorkommt, weisen nicht mehr als höchstens einige Gramm in jeder Tonne Gestein auf. Hinzu kommt, daß das "normale" Uran mit der Massenzahl 238, kurz U-238 genannt, aus bestimmten physikalischen Gründen für den Spaltungsprozeß so gut wie unbrauchbar ist.11

In Frage kommt nur eine weitaus seltenere Variante desselben Elements, das "Isotop" U-235, das, wie seine Massenzahl verrät, drei Neutronen weniger im Kern hat, sonst aber mit U-238 identisch ist. Natürliches Uran enthält nun aber nur 0,7 Prozent U-235, der ganze Rest von 99,3 Prozent entfällt auf das für Bombenbauer uninteressante U-238.

Zunächst einmal galt es daher, die Gramm-Portionen Uran aus den Gesteinsmassen zu gewinnen, in denen sie vorkamen. Anschließend mußten dann aus dem möglichst gereinigten Gemisch der beiden Uransorten die 0,7 Prozent der für den angestrebten Zweck allein geeigneten Variante herausgeholt werden. 

Das sagt sich so einfach. Da U-238 und U-235 sich jedoch, wie das für Isotope ganz allgemein gilt, chemisch in keiner Weise voneinander unterscheiden, ließ ihre Trennung sich nicht mit einer der üblichen und bekannten Methoden bewerkstelligen. Hier tauchten völlig neue Probleme auf, für die ganz neue Lösungen überhaupt erst gefunden werden mußten.

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Der überwiegende Anteil des in der Geschichte der Technik seit dem Bau der Pyramiden beispiellosen Aufwands, mit dem die Amerikaner während des letzten Krieges das legendäre "Manhattan-Projekt" durchpeitschten, galt denn auch der Trennung dieser beiden Uran-Isotope.

Als man dann schließlich genug gereinigtes U-235 zur Verfügung hatte, um eine "kritische Masse" bilden zu können, stand man vor dem letzten entscheid­enden Problem. 

Die kritische Masse von U-235 liegt bei 22,8 Kilogramm. (Sie läßt sich durch bestimmte technische Tricks, die gleich noch zur Sprache kommen, drastisch reduzieren.) Wenn man aus U-235 eine kleine Kugel von der Größe eines Tischtennisballs herstellt, passiert daher noch nicht viel. Zwar würde die Zahl der Spaltungsvorgänge auch im Inneren dieser kleinen Kugel bereits nachweisbar zunehmen. Die dabei frei werdenden Neutronen verlören sich jedoch durch die Oberfläche hindurch so rasch im Freien, daß eine Kettenreaktion mit dem typischen Sturzbach sich ständig multiplizierender Neutronen­generationen nicht zustande käme. Spürbarer wären die Folgen schon, wenn wir als nächstes eine Kugel im Format einer Kokosnuß formten. Auch jetzt ist die kritische Größe noch immer nicht erreicht. Die Zahl der Spaltungsvorgänge wäre jetzt aber doch schon so groß, daß die Kugel sich spürbar aufheizen würde.

Wenn wir das Ganze darauf mit einer Kugel von etwa Fußballgröße wiederholen würden, wären wir endlich bei der "kritischen Masse" angekommen. Da Uran schwerer ist als Blei, das schwerste aller natürlichen Elemente überhaupt, fällt die dafür benötigte Kugel kleiner aus als erwartet. Jetzt also kommt die Kettenreaktion definitiv in Gang. Das heißt nichts anderes, als daß die durch Spaltungsprozesse laufend neu erzeugten Neutronen rascher zunehmen als die Zahl derer, die durch die Oberfläche der Kugel entweichen und für die Fortsetzung des Prozesses damit ausfallen. 

Die "Kern-Explosion" setzt also ein — aber nur, um nach Bruchteilen von Millionstelsekunden sofort wieder zu erlöschen. Denn sobald die Hitzegrade erreicht sind, die der einer ganz gewöhnlich explodierenden Granate entsprechen, fliegt ja auch die Urankugel explosionsartig auseinander. 

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Damit aber wird die kritische Masse, eben erst entstanden, sofort wieder unterschritten. Die Explosion hat sich selbst ausgelöscht, bevor sie überhaupt richtig zu funktionieren begann. Das war nicht das, was die Erbauer der Atombombe im Sinn hatten. Hartnäckigkeit und Intelligenz aber ließen sie, wie heute jeder weiß, auch mit diesem letzten Problem erfolgreich fertig werden.

Die Aufgabe war klar: 

Es kam darauf an, die kritische Masse erst in dem Augenblick entstehen zu lassen, in dem die Explosion erfolgen sollte. Um sie dann aber mit der erwünschten Gewalt wirksam werden zu lassen, war es notwendig, diese Masse so lange wie irgend möglich dicht komprimiert zusammen­zuhalten. Nur dann blieb dem Neutronenfluß die Zeit, zu nennenswerter Intensität anzuschwellen. Nur ein Neutronenfluß möglichst großer Dichte konnte eine Zahl von Kernspaltungen auslösen, die einen spürbaren Massendefekt zur Folge hatte. Dieser Massendefekt aber, die eigentliche Quelle der atomaren Explosion, sollte natürlich so groß wie nur irgend möglich ausfallen.

Es gelang, die Aufgabe mit altbewährten, durchaus "konventionellen" Methoden befriedigend zu lösen. 

Alles, was man benutzte, waren gewöhnliches Schießpulver und ein wenig artilleristische Erfahrung. Man stellte zwei Halbkugeln aus U-235 her, die zusammen etwas mehr als die kritische Masse bildeten. Diese wurden jede für sich in die beiden einander gegenüberliegenden Enden eines Stahlrohrs gesteckt und im Augenblick der Zündung mit gewöhnlichem Dynamit "zusammengeschossen". Der Druck der Pulverexplosion verlängerte den Zusammenhalt der entstehenden Urankugel um entscheidende Millionstelsekunden. Außerdem verdichtete er das Uran für einen kurzen Augenblick so stark, daß der Wert der kritischen Masse stark absank.

Schließlich hatte man die ganze Apparatur noch in einen tonnenschweren Stahlmantel gesteckt. Dieser übte zwei Funktionen aus. Zunächst einmal trug auch er dazu bei, die kritische Masse möglichst lange zusammen­zuhalten. Außerdem aber hatte man ihn innen mit Beryllium überzogen, das wie ein Reflektor den Neutronenfluß verstärkte: 

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Es ließ für jedes eintreffende Neutron, das es einfing, bei einer durch den Einfang ausgelösten Kernreaktion zwei neue Neutronen entstehen. Vereinfacht gesprochen flog eines davon nach außen fort, das andere aber "nach innen", in die Urankugel zurück, so daß in dieser alles in allem die Neutronenzahl fast erhalten blieb.

Endlich war man soweit. Jetzt konnte die Probe aufs Exempel stattfinden. 

 

Eine Versuchsexplosion wurde vorbereitet und am 16. Juli 1945 in der Wüste von New Mexico gezündet. William L. Laurence, dem als einzigem Journalisten von der amerikanischen Regierung die Genehmigung erteilt worden war, an der Entwicklung des Manhattan-Projekts von Anbeginn als Augenzeuge teilzunehmen — um nach dem Kriege über das gewaltige Unternehmen aus erster Hand berichten zu können —, schildert die ungeheure Spannung, die alle beteiligten Wissenschaftler, Techniker und Militärs ergriff, als der Augenblick der Versuchs­zündung näher rückte.

"Die meisten Anwesenden beteten inbrünstiger, als sie es je getan hatten... Dr. Oppenheimer, auf dem eine schwere Bürde gelastet hatte, geriet in eine immer größere Spannung, als die letzten Sekunden abliefen. Er atmete kaum noch. Er suchte Halt an einem der Pfeiler. Während der letzten Sekunden blickte er starr vor sich hin."12

Und dann die Reaktion der Anwesenden auf den Erfolg des Experiments: 

"Die Spannung im Raum war gewichen, und alle begannen, einander Glück zu wünschen ... Dr. Kistiakowsky warf seine Arme um Dr. Oppen­heimer und umarmte ihn unter Freudenrufen. Andere waren ebenso begeistert ... denn alle schienen sofort zu spüren, daß die Explosion bei weitem selbst die optimistischsten Erwartungen und die kühnsten Hoffnungen der Wissenschaftler übertroffen hatte."

Nachträglich ist es leicht, diesen Männern Zynismus vorzuwerfen. Man muß ihnen fairerweise den ungeheuren Druck zugute halten, unter dem sie viele Jahre lang gestanden hatten. Sie hatten die amerikanische Regierung dazu bewogen, mitten im Krieg die gewaltigste technisch-industrielle Anstrengung aller Zeiten zu unternehmen — auf ihr bloßes Wort hin, in blindem Vertrauen auf die Zuverlässigkeit ihrer Formeln, im Hinblick auf ein theoretisch errechnetes Ergebnis, das bis zum Beweis seiner Realisierbarkeit als Utopie angesehen werden mußte. 

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Für sie war der Versuch in der Wüste zuallererst der Augenblick der Wahrheit. Die über Jahre hinweg mit Ungeduld, aber auch mit Angst erwartete Entscheidung darüber, ob sie recht gehabt hatten oder ob sie einem Phantom nachgejagt waren.

Vor diesem Hintergrund ist ihre Erleichterung, ja Begeisterung verständlich. Sogar die Tatsache, daß die meisten von ihnen für das Gelingen beteten. 

Zyniker darf man sie gerechterweise nicht nennen. Makaber bleibt die Szene nichtsdestoweniger. Denn die Intelligenz all dieser klugen Männer hätte auch dazu ausgereicht, sie erkennen zu lassen, daß ein "Mißerfolg" alles in allem bei weitem vorzuziehen gewesen wäre. 

Dieser kleine in der Wüste versammelte Kreis von Eingeweihten wäre mehr als irgend jemand sonst befähigt gewesen einzusehen, welche Ängste und Bedrohungen der Menschheit erspart bleiben würden, wenn ihr Versuch, das atomare Feuer in die Hand zu bekommen, fehlschlug. Einzusehen, daß Erleichterung und Begeisterung in Wahrheit eigentlich nur dann angebracht wären, wenn ihre unvergleichliche Kraftanstrengung nichts bewirkt und damit bewiesen hätte, daß den Menschen die tödliche Versuchung erspart bleiben würde, der die amerikanische Kriegführung schon wenige Wochen später im Falle von Hiroshima prompt erlag.

Die Intelligenz hätte ausgereicht. Aber der Mensch besteht eben nicht aus Intelligenz allein. 

Und daher gewannen in dem entscheidenden Augenblick Erleichterung und Begeisterung darüber die Oberhand, daß einem eine gewaltige Blamage erspart blieb, daß man nicht zur Rechenschaft gezogen werden konnte für die mehrjährige "sinnlose" Verschleuderung von kriegswichtigem Material, Arbeitskraft und mehreren Milliarden Dollar. Und nicht zuletzt die Erleichterung darüber, daß man als Wissenschaftler sein "Gesicht" gewahrt hatte, daß man davor sicher sein konnte, außer mit Vorwürfen auch noch mit Hohn und Spott überschüttet zu werden. 

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Es gehört zu den unbestreitbar gemeingefährlichen Seiten unserer Veranlagung, daß in einem solchen Augen­blick unser Selbstgefühl höher rangiert als jede erdenkliche zukünft­ige Konsequenz — und handele es sich bei ihr um das Überleben der Menschheit. 

Es mag erschreckend sein, sich darüber klarzuwerden. Aber so ist es nun einmal. Niemand von uns hätte in gleicher Lage anders reagiert.

Nachträglich freilich kamen dann sofort auch die Skrupel und Bedenken. Aber da war der Teufel schon aus der Flasche. Bekanntlich versuchten Oppenheimer und seine Kollegen den Abwurf der ersten Bombe auf eine japanische Großstadt durch den Vorschlag zu verhindern, gegnerische Parlamentäre als Beobachter zu einer erneuten Testexplosion einzuladen. Sie waren überzeugt, daß die Demonstration genügen würde. Den eigenen Militärs aber genügte sie nicht. Sie setzten sich ohne Mühe durch und schickten den Commander Tibbets mit etwas mehr als zehn Kilogramm Uran-235 nach Hiroshima.

  

    Eine Atomexplosion in Zeitlupe    ^^^^ 

 

Durch die Verdichtung des Urans infolge der zündenden Dynamitexplosion sowie mit Hilfe des Tricks der Neutronenreflexion an der inneren Bombenhülle war es gelungen, die kritische Masse der Hiroshima-Bombe auf etwa zehn Kilogramm herunter­zudrücken. Die exakten Daten werden zwar immer noch geheimgehalten. Die Abschätzungen aufgrund allgemeiner kernphysikalischer Gesetzlichkeiten kommen ihrer Größenordnung aber ohne Frage sehr nahe.13 

Der Druck der Pulverexplosion und die Festigkeit der tonnenschweren Hülle hielten die kritische Masse so lange zusammen, daß ein ganzes Kilogramm U-235 gespalten wurde, bevor die Bombe auseinanderflog. 99,9 Prozent davon überlebten weiterhin als Materie — in der Gestalt von Heliumkernen, Neutronen und anderen Spaltprodukten. 0,1 Prozent des gespaltenen Urans aber verschwand in der Gestalt des "Massendefekts". 

Insgesamt war es etwa ein Gramm. An seiner Stelle tauchte in dem Himmel über der Stadt ein Energie-Äquivalent von 25 Millionen Kilowatt­stunden auf.

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Daraus, daß diese Freisetzung innerhalb der extrem kurzen Zeitspanne von etwa zehn Millionstelsekunden er­folgte, errechnet sich eine Leistung von nicht weniger als neun Billionen Megawatt (1 Megawatt = 1000 Kilo­watt) in dem kleinen Volumen der Bombe, das bis zu diesem Augenblick erhalten blieb. Die Folge war die Ent­stehung einer Temperatur im Explosionszentrum, welche die des Sonneninneren um ein Mehrfaches überstieg.

Wenige Zehntelsekunden nach Explosionsbeginn hatte sich anstelle der verdampften Bombe ein Feuerball mit einem Durchmesser von mehreren hundert Metern gebildet, an dessen Oberfläche eine Temperatur von 6000 Grad herrschte — die Temperatur der Sonnenoberfläche. Während der nur eine halbe Millionstel­sekunde anhaltenden Uranspaltung kam es zu einem intensiven Ausbruch von Neutronen- und Gammastrahlung. Im Anschluß an Hitzeblitz und Kernstrahlung traten Druckwellen auf, die sich mit Überschall­geschwindigkeit ausbreiteten. Diese Druckwellen wirbelten große Mengen an Staub und Trümmern, die von den Spaltprodukten der Bombe radioaktiv verseucht waren, hoch in die Atmosphäre, von wo aus sie in den anschließenden Stunden und Tagen langsam wieder auf die Erde zurücksanken.

Kernstrahlung, Hitzeblitz, Druckwellen und "Fallout" also sind es, die einem Kernsprengsatz in den Augen eines Militärs den Charakter einer "Waffe" verleihen, mit welcher der Gegner sich so wirkungsvoll bekämpfen läßt wie nie zuvor in der kriegerischen Geschichte der Menschheit. 

Um eine Anschauung von dieser Wirkung zu gewinnen, müssen wir versuchen, uns in einem gedanklichen Szenario die Folgen auszumalen, die eine Kernwaffenexplosion in einer uns bekannten Stadt anrichten würde. 

Das ist aus eben diesem Grunde schon wiederholt gemacht worden,14 so daß ich mich kurz fassen kann. 

Auslassen dürfen wir das schauerliche Gedanken­experiment jedoch nicht.

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Die Sprengkraft der Bombe, von der Hiroshima ausgelöscht wurde, entsprach der von 20.000 Tonnen TNT (Trinitrotoluol), einem modernen konventionellen (chemischen) Sprengstoff. Die Experten sprechen von 20 Kilotonnen TNT oder, noch kürzer, einfach von "20 kt". In den Augen der heutigen Nuklear­strategen ist das ein sehr kleiner Sprengsatz. Die Gefechtsköpfe der "eurostrategischen" SS-20-Raketen entfalten eine Wirkung von 150 kt. Ganz zu schweigen von den interkontinentalen ballistischen Raketen mit Wirkungen von mehreren Megatonnen (1 Megatonne oder "Mt" = 1 Million Tonnen TNT).

Auf zwei Megatonnen wird die Summe der Sprengkraft aller während des letzten Krieges insgesamt auf Deutschland abgeworfenen konventionellen Bomben geschätzt. Die gleiche Vernichtungskraft läßt sich heute also in einer einzigen strategischen Rakete unterbringen. Und sogar noch sehr viel mehr. 

Den Rekord in dieser Hinsicht halten die vom Gigantischen auf seltsame Weise immer wieder faszinierten Russen mit einer Versuchsexplosion in der Atmosphäre von nicht weniger als 58 Megatonnen. Damals, im Oktober 1961, wurde von ihnen also eine Atomexplosion ausgelöst, die der Wirkung von fast 3000 (dreitausend!) Hiroshima-Bomben entsprach.

Es gibt in dieser Hinsicht nach oben prinzipiell keine Grenze mehr, seit es möglich geworden ist, den zur Freisetzung der Kernenergie erforderlichen Massen­defekt auch durch die Fusion von Wasserstoff zu erzeugen ("Wasserstoffbombe"). Denn die einst utopisch scheinenden Bedingungen — die gleichzeitige Erzeugung von Drucken und Temperaturen, die denen im Zentrum der Sonne gleichkommen — waren inzwischen ja sozusagen beiläufig auch auf der Erde realisierbar. Sie entstanden bei der Explosion jeder Uran-Spaltbombe. Man brauchte daher nur eine kleine Uranbombe als Zünder zu benützen, um den Fusionsprozeß in Gang zu setzen. 

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Dennoch ist sicher, daß ein Sprengsatz von 58 oder gar noch mehr Megatonnen niemals zum Einsatz kommen würde. Nicht etwa aus Sorge vor den Folgen der Anwendung einer Bombe, deren Sprengkraft die gesamte auf Deutschland während des letzten Krieges nieder­gegangene Bombenlast dreißigmal oder noch mehr übertreffen würde. Sondern deswegen, weil es aus der Sicht eines Atom­strategen einfach unrationell wäre, diese Vernichtungs­kraft auf einen einzigen Punkt zu konzentrieren, anstatt sie planmäßig zu verteilen.

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Wir wollen daher auch bei unserem Gedankenversuch von einer realistischeren Annahme ausgehen. Nehmen wir daher an, eine SS-20-Rakete mit der typischen Sprengkraft von 150 kt explodierte in 1600 Meter Höhe über dem Frankfurter Hauptbahnhof.15 Was würde sich in der Stadt in den der Zündung folgenden Sekunden und Minuten abspielen?

Etwa ein Drittel der gesamten Explosionsenergie wird innerhalb weniger Sekunden als Wärmestrahlung frei­gesetzt. Dieser "Hitzeblitz" würde die Frankfurter Innenstadt mit allem toten und lebenden Inventar in Sekund­en­schnelle verdampfen lassen. Der blitzartige Hitzetod würde den sich in diesem Bereich aufhaltenden Men­schen ein langsames, qualvolles Sterben ersparen, zu dem sie sonst infolge der im Augenblick der Explo­sion auftretenden Gamma-Strahlung verdammt wären. Diese Wirkungen gelten in einem Umkreis von etwa ein­em Kilometer vom "Null-Punkt", dem senkrecht unter dem Explosions­zentrum liegenden Punkt am Erdboden.

Selbst in vier Kilometern Entfernung, also zum Beispiel im Günthersburg-Park, würde der Hitzeblitz unbedeckte Haut kurz aufkochen lassen und dadurch Verbrennungen dritten Grades erzeugen (Verkohlung). Bäume, Gras und Holzbauten gingen noch hier in Flammen auf, auch Kleidung aus Baumwolle oder Kunststoffen würde zu brennen anfangen. 

Danach erst würde, neun Sekunden nach dem Licht- und Hitzeblitz, der Donner der Explosion zusammen mit der Druckwelle eintreffen. Diese würde Bäume entwurzeln, alle Gebäude mit Mauerdicken bis zu dreißig Zentimeter Beton zerstören, Menschen wie Spielbälle durch die Luft wirbeln und einen dichten Hagel von Glasscherben und Steinsplittern mit der Geschwindigkeit von Flintenkugeln durch die Luft fliegen lassen, der nicht nur im Freien, sondern auch bei den sich hinter den Fenstern ihrer Wohnungen aufhaltenden Menschen fürchterliche Fleischverletzungen verursachte. In einem Kreis von zehn Kilometern Durchmesser könnte diese akuten Explosionsfolgen nur überleben, wer sich zufällig gerade in einem Keller oder einem U-Bahn-Schacht aufhielte.

Mit diesen akuten Folgen aber wäre der Schrecken nicht etwa schon ausgestanden. Strahlungsblitz und Druckwelle würden radioaktiv gewordenes Erdreich zerstäuben. Der thermische Auftrieb der typischen pilzförmigen Explosionswolke ließe diesen Staub mehrere Kilometer hoch in die Atmosphäre steigen. Von dort würden die tödlichen Schwaden in den folgenden Stunden, Tagen und Wochen als "Fallout" langsam wieder nach unten sinken. 

Bei einer Explosionshöhe von 1600 Metern über dem Erdboden wären diese Nachwirkungen noch vergleichs­weise gering. Eine Explosion von 150 kt dicht über dem Erdboden aber würde einen Fallout erzeugen, der, je nach der gerade herrschenden Windstärke, in einem Gebiet von 2000 bis 3000 Quadrat­kilometern alle Menschen strahlenkrank machen und innerhalb von Wochen qualvoll sterben lassen würde. Mindestens ein Jahr würde es dauern, bis die Strahlung auf die 5 rem pro Jahr gefallen wäre, die nach den heutigen Strahlen­schutz­bestimmungen für mit radioaktivem Material umgehendes Personal eben noch zulässig sind, und nicht weniger als zehn Jahre, bis die 0,03 rem pro Jahr erreicht wären, die offiziell als Obergrenze für die Strahlentoleranz der Bevölkerung insgesamt angesehen werden.

Noch katastrophaler wären die Spätfolgen dann, wenn durch die Explosion ein Kernkraftwerk oder ein Zwischenlager für Kernbrennstoffe zerstört würden. Mit dem weiteren Ausbau der Kernenergie nimmt die Wahr­scheinlichkeit eines solchen Treffers für den Fall eines atomaren Angriffs auf der kleinen Fläche der Bundesrepublik natürlich von Jahr zu Jahr weiter zu. Byers und Kneser (s. Anm. 15) rechnen in einem solchen Falle damit, daß noch nach zehn Jahren ein Gebiet von mehreren 10.000 Quadrat­kilometern unbewohnbar sein würde.

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detopia-2014:  Das deutsche Bundesland Sachsen ist 18.000 qkm groß.

 

 

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