Joachim Bauer
Prof. Dr. med.
wikipedia Autor *1951 in Tübingen dnb Person dnb Nummer
detopia: B.htm Umweltbuch
Fundamental Things Über Vernunft, Moral und Empathie - Was es bedeutet, ein Mensch zu sein
herder fundamental-things-gebundene-ausgabe mit Lesen
https://media.herder.de/leseprobe/978-3-451-03811-2/index.html
Die-Aufklaerung-wird-rueckabgewickelt-11506958.html 2026 tp
Die Aufklärung wird rückabgewickelt -- 31. Oktober 2026 Andreas von Westphalen Interview.
Künstliche Intelligenz, digitale Vereinzelung und mächtige Tech-Konzerne: Der Neurowissenschaftler sieht die Grundlagen unserer Gesellschaft bedroht. Die Vernunft verliert an Bedeutung, die Empathie schwindet, die Macht der TechKonzerne wächst: Der Neurowissenschaftler und Psychotherapeut Joachim Bauer sieht die Grundlagen einer humanistischen Gesellschaft bedroht. In seinem neuen Buch "Fundamental Things" verbindet er die Philosophie Immanuel Kants mit Erkenntnissen der Hirnforschung. Im Interview mit Telepolis erklärt er, was Vernunft mit menschlichem Zusammenleben zu tun hat und warum er vor einer zunehmend digitalisierten Gesellschaft warnt.
Die Grundlagen des Humanismus unter Druck
▶ Herr Bauer, in Ihrem neuen Buch warnen Sie, dass Aufklärung, Humanismus und Demokratie auf dem Spiel stehen. Was sind die "Fundamental Things", die Sie bedroht sehen?Joachim Bauer: Zu den "Fundmental Things" zählen für mich die Anerkennung der Würde des Anderen, Bildungs- und Entwicklungsmöglichkeiten für alle und ein respektvolles Miteinander in einem demokratisch verfassten Gemeinwesen, in dem Gesetze dafür sorgen, dass nicht nur die Starken das Sagen haben. Diese fundamentalen Werte der Aufklärung bilden den Kern des Humanismus. Sie sind derzeit massiven Angriffen ausgesetzt. Die Angriffe kommen von den Big-TechMonopolisten des Silicon Valley und den von ihnen geförderten antidemokratischen politischen Akteuren jenseits und diesseits des Atlantiks. Wir erleben eine Umwälzung ohnegleichen: Vernunft, Empathie und Moral sind dabei, dem politischen Radikalismus und dem völlig unregulierten Agieren des Silicon Valley zu weichen.
"Auf dem Weg in eine demente Gesellschaft"
▶ Sie schreiben, die menschliche Vernunft sei nicht vor allem in Logik und technischer Intelligenz verankert, sondern im zwischenmenschlichen Miteinander. Wie begründen Sie das?Joachim Bauer: Vernunft entsteht nicht im luftleeren Raum. Sie entsteht, wo Menschen kooperativ handeln und miteinander etwas auf die Beine stellen. Wer miteinander handelt, muss sich verständigen, die Perspektive der anderen einnehmen und Lösungen aushandeln. Der Philosoph Habermas nannte diese Verständigungsarbeit "Diskurs". Vernunft ist bereits beim gelingenden Spiel der Kinder von Bedeutung, aber auch beim erfolgreichen Bau eines Hauses oder einer Fabrik, vor allem dann aber bei der Gestaltung eines staatlichen Gemeinwesens. Vernunft beginnt überall mit gemeinsam vollzogener Praxis. - Unsere Gesellschaft erlebt derzeit einen Verfall von Vernunft. Gründe sind die durch die Digitalisierung geförderte Vereinzelung: Jeder lebt an seinem Bildschirm. Gemeinsames Handeln hat drastisch abgenommen, zugenommen hat das gegenseitige Sich-schlecht-Machen im Netz. Nachdem uns die Künstliche Intelligenz das Nachdenken abnimmt, findet auch das eigenständige Denken zunehmend weniger statt. Die Aufklärung wird rückabgewickelt, wir befinden uns auf dem Weg in eine demente Gesellschaft.
Ohne Empathie keine Vernunft
▶ Sie schlagen eine Brücke zwischen Kants Kategorischem Imperativ und der modernen Hirnforschung. Welche Rolle spielt dabei die Empathie?Joachim Bauer: Ja. Kant schlug vor, man solle so handeln, dass die eigene Handlungsweise auch aus der Sicht aller anderen akzeptabel und anwendbar sei – darum geht es beim sogenannten Kategorischen Imperativ. Wenn ich Kants Vorschlag folgen will, dann muss ich die Perspektive meiner Mitmenschen einnehmen können. Dieser Perspektivwechsel bildet den Kern der Empathie. Vernunft und Empathie hängen also untrennbar zusammen! Das deutlich zu machen, war mir wichtig. Ich erkläre in meinem Buch dann, wie unser Gehirn Empathie ermöglicht. Dass Menschen sich in anderen hineindenken und hineinfühlen können, ist doch ein absolut erstaunliches Phänomen!
Digitalisierung macht unsere Kinder klüger?
▶ Was folgt aus dieser Verbindung von Philosophie und Neurowissenschaften – insbesondere für die Entwicklung von Kindern?Joachim Bauer: Philosophie und Neurowissenschaften sagen übereinstimmend: Der Mensch ist ein vernunftbegabtes Wesen, er wird jedoch ohne Vernunft geboren. Eine der zentralen Fragen, die mein Buch behandelt und beantwortet, lautet: "Wie kommt die Vernunft ins Kind?". Die Antwort lautet: indem wir uns gegenüber Kindern einfühlsam und vernünftig verhalten und Kinder dann anhalten, durch ihr Handeln in der Welt – zunächst im Spiel - selbst Vernunft zu entwickeln. Dazu brauchen wir ein Erziehungswesen und gute Bildungssysteme. Das Problem ist, dass die Bildungssysteme in vielen Ländern, auch bei uns, seit Jahren erodieren. Jugendproteste wie in Frankreich werden wir bald auch bei uns haben. Digitale Produkte haben zur Erosion des Bildungssystems wesentlich beigetragen. Mir ist schleierhaft, warum bestimmte "Experten" immer noch der Meinung sind, dass wir durch mehr Digitalisierung klügeren Kinder kriegen. Die Pisa-Ergebnisse zeigen genau das Gegenteil. Die Top-Manager des Silicon Valley schicken ihre Kinder übrigens in die "Waldorf-School of the Peninsula", das ist die Waldorfschule des Silicon Valley.
Empathie unter digitalem Beschuss
▶ Sie sehen die menschliche Empathiefähigkeit durch die digitale Entwicklung bedroht. Wie ernst ist die Lage?Joachim Bauer: Es steht maximal schlecht. Der gegenwärtige Weltgeist wird durch die Produkte des Silicon Valley bestimmt, also durch Social Media, durch Gewaltverherrlichende Online-Videospiele und durch Künstliche Intelligenz. Die Produkte widerspiegeln den Geist ihrer Hersteller. Die Topleute an der Spitze der Digitalgiganten bekennen sich – ausweislich ihrer Verlautbarungen, siehe u. a. das "Techno-Optimist Manifesto" - offen zum Prinzip maximaler Gewinnerzielung, zum rücksichtslosen Technizismus und zur Unmoral. Wenn der reichste Mann der Welt, Elon Musk, die Empathie für "zivilisatorischen Selbstmord" hält, ist es um die Humanität schlecht bestellt. Dem müssen wir uns entgegenstellen – darum mein Buch!
Rein ins Leben, mehr Erfahrungsräume
▶ Wie lässt sich die Humanität in unserer zunehmend digitalisierten Gesellschaft wieder stärken?Joachim Bauer: Alles, was die realen Erfahrungsräume ausweitet und stärkt, in denen gelingende Kooperation erlebt werden kann, kann und wird die Humanität wiederbeleben. Ein verpflichtende Sozialjahr könnte in solcher Erfahrungsraum sein. Das wäre aber nur ein Schritt unter vielen. Wir müssen unser Leben, das in viel zu hohem Maße in die virtuellen, nicht-realen Räume gerutscht ist, wieder zurückholen. Alle Arten des analogen Beisammenseins - von der Kindheit bis ins Alter – sollten gestärkt werden: Miteinander arbeiten, Projekte realisieren, füreinander Da-Sein, feiern, musizieren, Sport treiben, miteinander in der Natur sein. #
Joachim Bauer, Neurowissenschaftler, Arzt, Psychotherapeut, Professor an der Universität Freiburg und Gastprofessor in Berlin.