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Einführung
vom Verlag 7-8
Beides
traf ein: Was er fürchtete und was er sich erhoffte. Am 23. August
1977 wurde Rudolf Bahro von den Sicherheitsorganen der DDR verhaftet. Einen
Tag nachdem im SPIEGEL ein Interview mit ihm veröffentlicht worden war und
ein Vorabdruck aus seinem Buch <Die Alternative. Zur Kritik des real
existierenden Sozialismus>. Die völlig absurde Begründung für die
Verhaftung lieferte das »Neue Deutschland« am 24. August nach: Verdacht auf
nachrichtendienstliche Tätigkeit.
Die
SED-Führung konnte Bahro zwar hinter Gitter bringen, mundtot machen konnte
sie ihn aber nicht. Dafür hatte er vorgesorgt.
Vor allem mit seinem Buch. Aber auch mit Interviews, die er kurz vor seiner
Verhaftung dem SPIEGEL, Dirk Sager, Lutz Lehmann und Peter Pragal geben
konnte. Zusätzlich dazu sprach er ein Selbstinterview auf Band und schrieb
auf etwa fünfzig Schreibmaschinenseiten eine Zusammenfassung der Thesen, die
er in seinem Buch vertritt.
Die
genannten Dokumente halten wir in doppelter Hinsicht für wichtig. Zum einen
spiegeln sie das persönliche Engagement des überzeugten Marxisten Rudolf
Bahro wider, dem es um den emanzipatorischen Anspruch des Sozialismus geht und
nicht darum, Herrschaft zu stabilisieren. Zum anderen verdeutlichen sie, daß
die kommunistische Opposition in den Ländern des real existierenden
Sozialismus nicht sprachlos ist und nicht ziellos, sondern daß hier
systemimmanente Kritik virulent wird, die das Herrschaftssystem stärker
gefährdet als jedweder Druck von außen.
Rudolf
Bahro gebührt höchster Respekt für die Zivilcourage, mit der er wider den
Leviathan der Apparatherrschaft ficht. Es war Paul Valery, der einmal schrieb:
II
faudrait un Don Quichotte raisonable. Man müßte
ein vernünftiger Don Quichotte sein. Das meint,
daß man sich mit dem Ethos und dem persönlichen Engagement, das der Ritter
von der traurigen Gestalt für Hirngespinste verschwendete, vernünftigen
Zielen zuwenden sollte.
Rudolf
Bahro kommt dem sehr nah. Er kommt ihm nah, weil es die Vernunft ist, die die
Haupttriebkraft abgab für sein couragiertes Unterfangen, der
Apparatherrschaft östlicher Prägung Paroli zu bieten. Er kommt ihm nah, weil
diese Vernunft sich bei ihm verbindet mit einer ethischen Grundhaltung, die
fernab liegt von jeglicher zynischer Menschenverachtung wie sie verkrusteten
Machtstrukturen eigen ist, weil er im krassen Gegensatz dazu die
Freiheitsrechte des einzelnen in den Mittelpunkt stellt — seine
Selbstbestimmung, seine Mitbestimmung.
Sicher
läßt sich über die strategische Konzeption, die Rudolf Bahro vorschlägt,
um eine Gesellschaft der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit zu
erreichen, trefflich streiten. Jedenfalls
aber leistet er auch hier, wenn auch nicht in einer so unstrittigen Weise wie
bei seiner fundierten Analyse des real existierenden Sozialismus, einen
ernstzunehmenden Diskussionsbeitrag. Dies vor allem, weil er deutlich macht,
daß der Zweck, die sozialistische Gesellschaft, keineswegs Mittel heiligt,
die der Menschenwürde entgegenstehen. Und weil er eine breite Diskussion der
Mittel und der Ziele als unabdingbare Voraussetzung ansieht für die
Verwirklichung der von ihm angestrebten freien Assoziation, in der die freie
Entwicklung eines jeden die Bedingung für die freie Entwicklung aller ist.
So
stellt es denn einen makabren Treppenwitz der Geschichte des real
existierenden Sozialismus dar, daß Rudolf Bahro, weil er für die Freiheit
seiner Mitmenschen eintrat, die eigene Freiheit verlor. Unsere Aufgabe bleibt
es, für ihn und für die anderen politischen Gefangenen die
Weltöffentlichkeit zu mobilisieren, Solidarität zu beweisen. Nicht
zuletzt aus diesem Grund haben wir die nachfolgende Dokumentation
zusammengestellt.
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