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12  Rebellion
und Flucht 

»Wenn ich jetzt das Bellen der Schlittenhunde gehört hätte, das den Aufbruch der Patrouille ankündigte,
ich glaube, ich hätte mich übergeben. Wir rannten die paar Meter zum äußeren Zaun ... 
Wahrscheinlich machten wir kaum Geräusche, aber mir kam es vor,
als veranstalteten wir einen ohrenbetäubenden Lärm ... 
Wie die Verrückten sprangen und stürzten wir über den letzten Stacheldraht am Fuß des äußeren Zaunes,
rappelten uns auf, vergewisserten uns keuchend, dass alle gesund und munter waren,
und begannen alle gleichzeitig zu laufen, was das Zeug hielt.« 

SLAWOMIR RAWICZ,
Der lange Weg (1)

417-434

Von den vielen Mythen über den Gulag hat sich wohl der am hartnäckigsten gehalten, dass von dort kein Entkommen gewesen sei. Fluchtversuche aus einem stalinistischen Lager, so schrieb Solschenizyn, waren »Taten von Giganten, allerdings von Giganten, die zum Untergang verurteilt waren«.2)  

Schalamow meint mit der für ihn typischen Hoffnungslosigkeit: »Gefangene, die zu fliehen versuchen, sind fast immer Neulinge im ersten Jahr ihrer Lagerhaft, Männer, denen man Freiheitsliebe und Eitelkeit noch nicht ausgetrieben hat.«3) 

Nikolai Abakumow, ehemals stellvertretender Kommandant der Garnison von Norilsk, hielt Flucht für völlig aussichtslos: »Manchen gelang es, aus dem Lager zu kommen, aber keiner erreichte das <Festland>«, womit er Zentralrussland meinte.4)  

Gustaw Herling-Grudzinski erzählt die Geschichte eines Mitgefangenen, dessen Fluchtversuch scheiterte: Nachdem er monatelang sorgfältig geplant hatte, tatsächlich fliehen konnte und sieben Tage lang im Wald herumgeirrt war, fand er sich ganze fünfzehn Kilometer vom Lager entfernt wieder. Der Hunger zwang ihn zum Aufgeben.5) 

Die Lager waren natürlich so gebaut, dass Ausbrüche scheitern mussten. Dafür waren die Mauern, der Stacheldraht, die Wachtürme und das sorgfältig geharkte Niemandsland schließlich da. Aber in vielen Lagern brauchte man im Grunde keinen Stacheldraht, um die Gefangenen zurückzuhalten. Es waren vor allem das Klima — zehn Monate im Jahr strenger Frost — und die geografische Lage, die jeden Fluchtversuch nahezu unmöglich erscheinen ließen. Die volle Tragweite dieser Bedingungen kann man allerdings erst ermessen, wenn man diese abgelegenen Gegenden einmal mit eigenen Augen gesehen hat.

So muss man Workuta, die Stadt, die bei den Kohleschächten von Workutlag entstand, nicht nur als isoliert, sondern als eigentlich unzugänglich bezeichnen. Nach Workuta, das jenseits des Polarkreises liegt, führt keine Straße. Die Stadt und die Bergwerke sind nur per Eisenbahn oder Flugzeug zu erreichen. Im Winter ist jeder, der sich in der offenen, baumlosen Tundra bewegt, eine lebende Zielscheibe. Im Sommer verwandelt sich die Landschaft in einen ebenso offenen, aber undurchdringlichen Sumpf.

Außerdem waren überall in der Gegend Wachen postiert. Das ganze Kolyma-Gebiet — Hunderte Quadratkilometer Taiga — war im Grunde ein riesiges Gefängnis; dasselbe gilt für die Republik der Komi, große Teile der kasachischen Wüste und Nordsibirien. In diesen Regionen gab es nur sehr wenige normale Dörfer mit freien Bewohnern. Jeder, der ohne gültige Personaldokumente durch die Gegend lief, war sofort als Ausbrecher zu erkennen. Er wurde entweder auf der Stelle erschossen oder erst einmal zusammengeschlagen und dann ins Lager zurückgebracht.

Stieß ein Flüchtiger auf Ortsbewohner, die nicht zum Wachpersonal oder zu den Häftlingen gehörten, konnte er von ihnen ebenfalls wenig Hilfe erwarten. Zur Zarenzeit war man in Sibirien entlaufenen Strafgefangenen und Leibeigenen traditionell mit Mitgefühl begegnet. Nachts hatte man für sie einen Laib Brot und eine Schale Milch vor die Tür gestellt.

In Stalins Sowjetunion war das anders. Die meisten Menschen waren bereit, einen entflohenen »Feind« und mehr noch einen kriminellen »Rückfalltäter« auszuliefern. Und das nicht deshalb, weil sie der Propaganda über die Gefangenen ganz oder halb Glauben schenkten, sondern weil sie selber eine lange Freiheits­strafe riskierten, wenn sie es nicht taten.6) Vor allem das paranoide Klima im täglichen Leben spielte hier eine Rolle:

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»Von der ortsansässigen Bevölkerung konnten wir nicht erwarten, dass sie uns half und uns versteckte, wie es mit Flüchtigen aus den deutschen Konzentrationslagern geschah. Die Menschen dort lebten seit vielen Jahren in Angst und Misstrauen. Sie waren immer darauf gefasst, dass neues Ungemach über sie hereinbrach, und fürchteten sich sogar voreinander.«7) 

Wenn Ideologie und Angst nicht wirkten, dann war es die Gier. Ob nun zu Recht oder zu Unrecht, viele ehemalige Häftlinge glauben, dass die Ortsansässigen — Eskimos im Hohen Norden oder Kasachen im Süden — ständig bewusst nach Entflohenen Ausschau hielten. Manche stellten ihnen fast professionell nach, weil sie ein Kilo Tee oder einen Sack Weizen bekamen, wenn sie einen entflohenen Sträfling zurückbrachten.8 

Für die rechte Hand eines Flüchtigen oder — nach anderen Berichten — seinen Kopf soll ein Einwohner des Kolyma-Gebietes 250 Rubel erhalten haben. Diese Prämie war wohl überall ähnlich.9 In einem Fall, heißt es, bekam ein Dorfbewohner 250 Rubel, weil er einen entlaufenen Häftling, der sich als freier Mann ausgab, erkannte und der Polizei meldete. Sein Sohn, den er aufs Polizeirevier geschickt hatte, bekam dafür ebenfalls 150 Rubel. In einem anderen Fall wurde einer, der dem Lagerkommandanten das Versteck eines Entlaufenen verriet, mit der fürstlichen Summe von 300 Rubel entlohnt.10)

Wer wieder eingefangen wurde, musste mit grausamer Strafe rechnen. Viele wurden sofort erschossen. Noch als Tote wurden sie für Propagandazwecke benutzt:

»Als wir in die Nähe des Tores kamen, glaubte ich einen Alptraum zu haben: Am Torpfosten hing ein nackter Leichnam, Hände und Füße mit Draht gebunden, den Kopf zur Seite geneigt, die starren Augen halb offen; darüber eine Tafel: <So ergeht es jedem, der in Norilsk einen Fluchtversuch unternimmt!>«!11)

Schigulin erinnert sich, dass man die Leichen von Flüchtigen manchmal über einen Monat lang mitten in seinem Lagpunkt an der Kolyma liegen ließ.12 Diese Praxis hatte man auf den Solowezki-Inseln erstmals angewandt. In den vierziger Jahren war sie in allen Lagern üblich.13

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Und doch wurden immer wieder Ausbrüche versucht. Nach der offiziellen Statistik und den wütenden Briefen zu urteilen, die zu diesem Thema im Gulag hin und her gingen, gab es wesentlich mehr versuchte und erfolgreiche Ausbrüche aus den Lagern, als in vielen Erinnerungen eingeräumt wird. In den Archiven findet man zum Beispiel Berichte über Strafen, die bei gelungenen Ausbruchsversuchen verhängt wurden. 1945 mussten Offiziere der Wachmannschaften in den Lagern bei der »NKWD-Baustelle 500«, einer Eisenbahnstrecke in Ostsibirien, wegen mehrerer erfolgreicher Gruppenfluchten fünf bis zehn Tage Gefängnis und eine Kürzung ihres Gehalts für diese Zeit um 50 Prozent hinnehmen.14) 

Andere Wachmänner vereitelten Fluchtversuche. Einer, der die Alarmsirene einschaltete, nachdem fliehende Gefangene einen Nachtwächter erwürgt hatten, erhielt laut Akten eine Prämie von 300 Rubel. Sein Chef wurde mit 200 Rubel bedacht. In einem anderen Gefängnis konnten der Direktor ebenfalls 200 und jeder der beteiligten Soldaten 100 Rubel einstreichen.15

Kein Lager war absolut sicher. Von dem abgelegenen Solowezki-Archipel und seinen Nebenlagern sollte man das eigentlich annehmen. Und doch gelang den Weißgardisten S. A. Malsagow und Juri Bessonow im Mai 1925 die Flucht aus einem Festland-Lager von SLON. Nachdem sie die Wachposten überwunden hatten, marschierten sie 35 Tage lang bis zur finnischen Grenze. Beide schrieben über ihre Erlebnisse später Bücher und zählten damit zu den Ersten, die die Lager auf den Solowezki-Inseln auch im Westen bekannt machten.16 1934 gelangen zwei besonders spektakuläre Fluchtversuche von dort. An einem waren vier »Spione«, an dem anderen »ein Spion und zwei Banditen« beteiligt. Beide Gruppen beschafften sich Boote und flohen über die See, wahrscheinlich nach Finnland. Der Lagerchef wurde entlassen, andere erhielten Verweise.17

Mit der Ausdehnung der SLON-Lager auf das karelische Festland in den zwanziger Jahren vervielfältigten sich auch die Fluchtmöglichkeiten, ein Umstand, den Wladimir Tschernjawin sich zu Nutze machte. 

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Tschernjawin, ein Fischereiexperte, hatte mit beträchtlichem Mut versucht, dem Fünfjahresplan der Murmansker Fischereigesellschaft etwas Realismus einzuhauchen. Seine Kritik an dem Planentwurf brachte ihm eine Anklage wegen »Sabotage« ein. Er wurde zu fünf Jahren Haft verurteilt und nach Solowezki geschickt. SLON setzte ihn schließlich als Häftling und Fachmann in Nordkarelien ein, wo er neue Fischereibetriebe aufbauen sollte.

Tschernjawin nahm sich Zeit. Monatelang warb er um das Vertrauen seiner Vorgesetzten, die es sogar seiner Frau und seinem fünfzehnjährigen Sohn Andrej gestatteten, ihn zu besuchen. Während dieses Besuches im Sommer 1933 ging die Familie zu einem »Picknick« ans Ufer der nahe gelegenen Bucht. Als sie am westlichsten Punkt angekommen waren, eröffneten Tschernjawin und seine Frau dem Sohn, dass sie die UdSSR verlassen wollten — zu Fuß. »Ohne Karte oder Kompass schlugen wir uns durch wilde Berge, Wälder und Sümpfe bis nach Finnland und in die Freiheit durch«, schrieb Tschernjawin.18

Tschernjawin war kein Einzelfall. Die frühen Jahre des Gulags sind für Fluchtversuche offenbar die günstigsten gewesen. Die Zahl der Gefangenen wuchs schnell, das Wachpersonal reichte nicht aus, und die Lager befanden sich in relativer Nähe zu Finnland. Im Jahr 1930 wurden an der finnischen Grenze 1174 entflohene Häftlinge gestellt. 1932 waren es bereits 7202. Die Zahl der erfolgreichen Fluchten stieg wahrscheinlich entsprechend.19 Der Gulag-Statistik zufolge, die nicht unbedingt exakt sein muss, brachen 45.755 Personen 1933 aus Lagern aus, von denen nur etwas mehr als die Hälfte — 28.370 — wieder gefasst wurden.20 In den Berichten heißt es, die einheimische Bevölkerung sei über die große Zahl entlaufener Sträflinge beunruhigt. Lagerkommandanten forderten permanent Verstärkung an, ebenso die Grenztruppen und die lokalen Organe der OGPU.21

Letztere führte schärfere Kontrollen ein. Um diese Zeit forderte man erstmalig auch die Bevölkerung zu aktiver Mithilfe auf. In einer Weisung der OGPU wurde angeordnet, um jedes Lager einen 25 bis 30 km breiten Gürtel zu ziehen, wo die Anwohner »Fluchtversuche aktiv bekämpfen« sollten. Neue Gesetze verhängten für Ausbruch aus dem Lager schwere Strafen. Die Wachmannschaften wussten, dass sie eine Belohung erwarten konnten, wenn sie einen Gefangenen auf der Flucht erschossen.22

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Aber die Zahlen gingen nicht so schnell wie erhofft zurück. In den dreißiger Jahren kam es an der Kolyma immer wieder zu Gruppenausbrüchen. Kriminelle, die weitab im Wald arbeiteten, bildeten Banden, beschafften sich Waffen, griffen sogar Einheimische, Geologentrupps und ganze Dörfer an. Nach mehr als zwanzig solcher Zwischenfälle richtete man 1936 ein Lager für 1500 »besonders gefährliche Elemente« ein — Häftlinge, bei denen akuter Fluchtverdacht bestand.23

Zu Beginn des Zweiten Weltkrieges stieg die Zahl der Ausbrüche wieder steil an, da sich bei der Evakuierung der Lager aus dem Westteil des Landes und im allgemeinen Chaos mehr Fluchtmöglichkeiten boten.24 Im weiteren Kriegsverlauf gingen die Zahlen erneut zurück, aber ganz verschwand das Phänomen nie. Im Jahr 1947, als der Höchststand der Nachkriegszeit erreicht wurde, wagten 10.440 Gefangene den Ausbruch, von denen nur 2894 wieder eingefangen wurden.25 Angesichts der Millionen, die damals in den Lagern einsaßen, ist das nur ein winziger Bruchteil, aber er beweist, dass Flucht nicht so unmöglich war, wie manche sich erinnern. Es kann sogar sein, dass die Verschärfung des Lagerregimes und der Sicherheitsmaßnahmen, die das Leben im Gulag bis zu Stalins Tod prägten, darauf zurückzuführen sind.

Potenzielle Ausbrecher fanden sich vor allem unter den Berufsverbrechern — darin sind sich alle Memoirenschreiber einig, und auch der Slang spiegelt diese Tatsache wider. Der Frühling wird als Ankunft des »grünen Staatsanwalts« bezeichnet (»Wassja wurde vom grünen Staatsanwalt freigelassen«), da im Frühjahr die Flucht für den Sommer geplant wurde: »Durch die Taiga kommt man nur im Sommer, wenn man sich von Kräutern, Pilzen, Beeren und Wurzeln ernähren, wenn man aus zermahlenem Moos Plinsen backen, wenn man Mäuse, Eichhörnchen, Eichelhäher oder Kaninchen fangen kann.«26 Im Hohen Norden wiederum galt als beste Zeit für eine Flucht der Winter, den die Kriminellen prompt den »weißen Staatsanwalt« nannten, denn nur dann waren die Sümpfe der Tundra passierbar.27

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Fluchtversuchen von Kriminellen war in der Regel auch häufiger Erfolg beschieden. Hatten sie den Stacheldraht einmal überwunden, boten sich ihnen bessere Überlebenschancen: Wenn sie es bis zu einer größeren Stadt schafften, konnten sie in der örtlichen Verbrecherwelt untertauchen, ein Versteck finden und sich falsche Papiere beschaffen. Da ihnen die Rückkehr in die »freie« Welt ohnehin nicht allzu viel bedeutete, flohen manche nur um des Abenteuers willen, um für eine Weile »draußen« zu sein. Wurden sie gefasst und blieben dabei am Leben, konnten weitere zehn Jahre einen Mann kaum erschüttern, der schon zwei Mal 25 Jahre oder noch mehr auf dem Konto hatte. Ein ehemaliger Sek erinnert sich an eine Kriminelle, die nur aus dem Lager weglief, um sich mit einem Mann zu treffen. Sie kehrte »hoch befriedigt« zurück, obwohl man sie sofort in die Strafzelle steckte.28) 

Politische Gefangene wagten die Flucht viel seltener. Es fehlte ihnen an den nötigen Kontakten und Erfahrungen, außerdem wurden sie härter verfolgt. Tschernjawin, der seine Flucht lange erwog, bevor er sich dazu entschloss, erklärt den Unterschied:

»Die Flucht eines Verbrechers nahmen die Wachen nicht sehr ernst, und sie machten sich nicht die Mühe, ihn weit zu verfolgen. Er wurde ohnehin gefasst, wenn er die Eisenbahn oder die nächste Stadt erreichte. Wenn es dagegen um einen politischen Gefangenen ging, gab es sofort eine Treibjagd, in die man die umliegenden Dörfer und die Grenztruppen einbezog. Ein Politischer versuchte immer über die Grenze zu kommen, denn im Land selbst gab es für ihn keinen sicheren Zufluchtsort.«29

Fluchtversuche kamen vor allem an den schlechter bewachten Einsatzorten außerhalb der Lager vor, aber nicht ausschließlich. Betrachten wir den zufällig ausgewählten Monat September 1945: 51 Prozent der registrierten Fluchtversuche fanden am Arbeitsplatz statt, 27 Prozent im Bereich der Unterbringung und 11 Prozent auf dem Transport.30 Edward Buca plante zusammen mit einer Gruppe junger Ukrainer die Flucht aus einem Transportzug nach Sibirien:

»Mit meinem Sägeblatt wollten wir versuchen, vier oder fünf Bretter durchzusägen. Wir wollten nur nachts arbeiten und die Spuren mit einer Mischung aus Brot und Pferdemist verwischen. Dann wollten wir abwarten, bis der Zug einmal in einer bewaldeten Gegend hielt. Sobald wir die Bretter herausgebrochen hatten, sollten so viele wie möglich durch die Öffnung aus dem Wagen springen und in verschiedene Richtungen davonlaufen, um die Wachmannschaften zu verwirren. Man würde auf uns schießen, aber die Mehrheit hatte eine Chance davonzukommen.«31

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Sie mussten den Plan dann allerdings aufgeben, weil die Wachen Verdacht schöpften. Aber Fluchtversuche während des Transports gab es immer wieder. Im Juni 1940 gelang es tatsächlich zwei Kriminellen, durch ein Loch im Wagen zu schlüpfen.32

Leute wie Tschernjawin nutzten ihre Sonderstellung im Lager, um ihre Flucht vorzubereiten. Ein anderer Häftling löste absichtlich ein Unglück mit einem Güterzug aus, um in der allgemeinen Konfusion die Flucht zu ergreifen.33 Bei einem anderen aktenkundigen Fall erschossen Häftlinge, die als Totengräber eingesetzt waren, ihren Begleitposten und warfen ihn in das Massengrab, so dass seine Leiche nicht sofort entdeckt wurde.34 Leichter war die Flucht für »unbewachte« Häftlinge, die sich mit einem Sonderausweis zwischen den einzelnen Lagern bewegen durften.

Auch Tarnung wurde häufig benutzt. Schalamow erzählt die Geschichte eines Gefangenen, der fliehen und zwei Jahre in Freiheit verbringen konnte. Als angeblicher Geologe zog er durch Sibirien. Einmal baten ihn die regionalen Behörden, stolz, so einen Experten in ihrer Mitte zu haben, sogar voller Respekt, ihnen einen Vortrag zu halten. »Kriwoschej lächelte, zitierte Shakespeare auf Englisch, kritzelte irgendetwas an die Tafel und rasselte Dutzende ausländische Namen herunter.« Am Ende wurde er gefasst, weil er seiner Frau Geld schickte.35 Diese Geschichte mag erfunden sein, aber in den Archiven stößt man auf ähnliche Fälle. So gelang es beispielsweise einem Gefangenen an der Kolyma, sich Papiere zu beschaffen, ein Flugzeug zu besteigen und nach Jakutsk zu fliegen. Dort fand man ihn. Er hatte sich mit 200 Gramm Gold in den Taschen in aller Ruhe in einem Hotel niedergelassen.36) 

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Nicht alle Fluchtversuche boten Stoff für fantastische Geschichten. Oft war, vor allem bei den Kriminellen, Gewalt im Spiel. Ausbrecher griffen Wachposten an, erschossen oder erwürgten sie ebenso wie freie Angestellte oder Bewohner umliegender Ortschaften.37 Selbst Mithäftlinge waren nicht vor ihnen sicher. Kannibalismus kam bei Fluchtversuchen häufig vor: Zwei Kriminelle sprachen sich ab mit einem dritten Mann (dem »Fleisch«) zu fliehen, der von vornherein als Wegzehrung für die anderen beiden bestimmt war. So berichtet Buca vom Prozess gegen einen Dieb und Mörder, der gemeinsam mit einem Kumpan die Flucht wagte. Sie nahmen den Lagerkoch als »wandelnden Proviante mit:

»Auf diese Idee waren sie nicht als Erste gekommen. Wenn eine große Gruppe Menschen von nichts anderem träumt, als auszubrechen, dann werden alle Möglichkeiten dafür durchgespielt. Ein <wandelnder Proviant> ist in der Regel ein beleibter Häftling. Wenn er bei dir ist, kannst du ihn töten und essen. Bis es dazu kommt, schleppt er den <Proviant> selbst.«

Die beiden Männer führten ihren Plan aus. Sie töteten den Koch und aßen ihn auf. Aber sie hatten nicht vereinbart, wie lange ihre Reise dauern sollte. Bald waren sie wieder hungrig:

»Beide wussten genau: Wer als Erster einschlief, fiel dem anderen zum Opfer. Daher taten beide, als seien sie nicht müde, und erzählten einander die ganze Nacht Geschichten, wobei sie sich argwöhnisch beäugten. Da sie alte Kumpane waren, brachte es keiner der beiden fertig, den anderen offen anzugreifen oder seinen Verdacht zu äußern.«

Schließlich nickte der eine doch ein. Der andere schnitt ihm die Kehle durch. Als er zwei Tage später gefasst wurde, soll er, so berichtet Buca, noch Stücke rohen Fleisches in einem Sack bei sich gehabt haben.38

Natürlich weiß man nicht genau, wie oft es zu derartigen Zwischenfällen gekommen ist. Aber solche Geschichten sind von den frühen dreißiger bis zu den späten vierziger Jahren aus den verschiedensten Lagern immer wieder zu hören, so dass sie von Zeit zu Zeit mit Sicherheit stattgefunden haben.39

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Die mündliche Überlieferung des Gulags weiß von einigen ausgesprochen spektakulären Fluchtgeschichten zu berichten, die nicht alle tatsächlich passiert sein müssen. Da ist der merkwürdige Fall von Slavomir Rawicz, dessen Memoiren Der lange Weg die vielleicht spektakulärste und anrührendste Schilderung einer Flucht in der ganzen Gulag-Literatur sind: Rawicz wurde nach dem sowjetischen Einmarsch in Polen verhaftet und in ein Lager in Nordsibirien gebracht. Er behauptet, ihm und sechs weiteren Häftlingen, darunter einem Amerikaner, sei mit Unterstützung der Frau des Lagerkommandanten die Flucht gelungen. Zusammen mit einem polnischen Mädchen, einer Deportierten, die sie unterwegs auflasen, sei es ihnen geglückt, aus der Sowjetunion herauszukommen.

In einem unvergleichlichen Marsch — wenn er denn stattgefunden hat — umrundeten sie den Baikalsee, zogen über die Grenze in die Mongolei, durchquerten die Wüste Gobi, das Hochland von Tibet, den Himalaja und gelangten schließlich nach Indien. Vier seiner Weggefährten blieben auf der Strecke, die Übrigen litten extreme Entbehrungen. Leider haben mehrere Versuche, diese Geschichte, die an Rudyard Kiplings Erzählung »The Man Who Was« erinnert, zu bestätigen, zu nichts geführt.40 Der lange Weg ist eine glänzend erzählte Story, auch wenn sie nie passiert sein sollte. Von ihrem überzeugenden Realismus können wir alle lernen, die die tatsächliche Geschichte vom Entkommen aus dem Gulag zu schreiben versuchen.

Denn von Flucht aus dem Lager träumten viele. Selbst für die Tausenden, die sie nie wagten, war der Gedanke daran eine wichtige psychologische Stütze. Besonders junge Männer planten, erörterten und debattierten immer und immer wieder die besten Fluchtmethoden. Für einige waren solche Gespräche eine Möglichkeit, mit der eigenen Hilflosigkeit fertig zu werden, wie Gustaw Herling-Grudzinski schreibt:

»So trafen wir uns oft in einer der Baracken und besprachen in vertrautem Kreis alle Einzelheiten unserer Flucht. Wir sammelten Metallstücke, die wir bei der Arbeit fanden, Kistenholz und Glasscherben und redeten uns ein, dass man daraus einen Kompass basteln könne. Wir versuchten, uns genauer über die Landschaft ringsum zu informieren, die klimatischen Verhältnisse, Entfernungen und geografischen Besonderheiten...

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In diesem Königreich der Fiktion, in das man uns aus dem Westen in Hunderten von Güterwagen verschleppt hatte, erfüllte uns schon das kleinste Festbeißen in unsere eigenen Tagträume mit neuer Zuversicht. Wenn die Mitgliedschaft in einer nicht existierenden Terroristenorganisation ein Verbrechen sein kann, für das man zehn Jahre Arbeitslager bekommt, warum soll dann nicht ein angespitzter Nagel eine Kompassnadel, ein Stück Holz ein Ski, ein bekritzelter Fetzen Papier eine Karte sein können?«

Wie Herling-Grudzinski vermutet, war jedem, der sich an diesen Gesprächen beteiligte, tief in seinem Inneren klar, dass all diese Vorbereitungen zu nichts führen konnten. Dennoch hatten sie ihren Sinn:

»Ich muss hier an einen jungen polnischen Kavallerieoffizier denken, der während der schlimmsten Hungerperiode im Lager die Energie aufbrachte, sich von seiner täglichen Brotration eine Scheibe abzusparen, die er dann über dem Feuer röstete und in einem Sack irgendwo in der Baracke an einer niemandem bekannten Stelle versteckte. Jahre später bin ich ihm noch einmal im Irak begegnet, und als wir in einem Armeezelt bei einer Flasche Wein saßen, hänselte ich ihn wegen seines Flucht-<Planes>. Aber er antwortete ganz ernst: <Du solltest nicht darüber lachen. Ich habe das Lagerleben nur durch meine Hoffnung auf die Flucht ertragen können, und ich bin nur darum lebendig aus dem Totenhaus herausgekommen, weil ich diesen Brotvorrat besaß. Man kann nicht leben, wenn man nicht weiß, wofür man lebt.c>«41)

Wenn in den Erinnerungen der meisten Gulag-Überlebenden Flucht schon unmöglich schien, so war Rebellion geradezu undenkbar. Das Zerrbild des niedergedrückten, besiegten und entmenschlichten Seks, der sich den Behörden zur Kollaboration anbot und unfähig war, vom Sowjetregime auch nur schlecht zu denken oder sich gar dagegen zu organisieren, taucht in vielen Erinnerungen auf, nicht zuletzt bei den beiden größten literarischen Figuren unter den russischen Überlebenden: Solschenizyn und Schalamow. 

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Und es kann durchaus sein, dass dieses Bild über weite Strecken der Gulaggeschichte von der Realität nicht weit entfernt ist. Mit dem System der gegenseitigen Bespitzelung wurde erreicht, dass viele Häftlinge einander misstrauten. Andere konnten wegen der Tretmühle der schweren Arbeit und der Übermacht der Kriminellen kaum an organisierten Widerstand denken.

Und doch erzählen die Archive wieder eine andere Geschichte. Dort finden sich zahlreiche Berichte über kleinere Lagerproteste und Arbeitsniederlegungen. Besonders die Anführer der Kriminellen scheinen von Zeit zu Zeit kurze, meist unpolitische Streiks angezettelt zu haben, wenn sie bei der Lagerleitung etwas durchsetzen wollten. Diese behandelte solche Zwischenfälle meist nur als minderes Ärgernis. Zu kleineren Revolten kam es vor allem Ende der dreißiger und Anfang der vierziger Jahre, als die Berufsverbrecher eine privilegierte Stellung einnahmen und Strafen kaum fürchteten.42

Spontane Proteste von Kriminellen entwickelten sich zuweilen auch während des langen Eisenbahntransports nach Osten, wenn es kein Wasser gab und die Häftlinge nur Salzhering zu essen bekamen. Um die Wachmannschaften dazu zu bewegen, ihnen Wasser zu bringen, beschlossen die Kriminellen, »gemeinsam zu schreien und Radau zu machen«. Sie veranstalteten ein solches Getöse, dass die Wachposten es kaum noch aushielten. Ein Häftling erinnert sich: »Einst brachte das Kriegsgeschrei der alten Germanen die römischen Legionen zum Weinen, so schrecklich hörte es sich an. Dasselbe Entsetzen packte die Sadisten im Gulag...«43 Diese Tradition überlebte bis in die achtziger Jahre, als Häftlinge, die während des Transports gegen ihre Behandlung protestieren wollten, noch einen Schritt weiter gingen. Die Dichterin und Dissidentin Irina Ratuschinskaja erinnert sich:

»<Los, Leute! Schaukeln!>... Die Gefangenen beginnen, den Waggon zum Schaukeln zu bringen, indem sie alle zusammen im Takt von einer Seite der Box auf die andere taumeln. Durch die Überfüllung des Waggons kann das gewünschte Resultat sehr schnell eintreten: Der Waggon kippt aus den Gleisen und reißt den Zug die Böschung hinunter.«44

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Überfüllung und schlechtes Essen konnten auch Proteste auslösen, die man wohl am besten als halb organisierte Hysterie beschreibt. Eine Augenzeugin schildert einen solchen Ausbruch, angeführt von weiblichen Kriminellen:

»Etwa 200 Frauen rissen sich wie auf Kommando plötzlich die Kleider vom Leib und rannten splitternackt auf den Hof. In obszönen Posen umringten sie die Wachmänner, kreischten, lachten und fluchten, wälzten sich in schrecklichen Krämpfen am Boden, rauften sich die Haare, kratzten sich die Gesichter blutig, sprangen wieder auf und rannten zum Tor. <A-a-a-a-a-a-a>, heulte die Menge.«45

Neben solchen spontanen Szenen des Wahnsinns gab es eine andere, ältere Protesttradition, die auf die ersten politischen Gefangenen — die Sozialdemokraten, Anarchisten und Menschewiki der frühen zwanziger Jahre — zurückging, die sie ihrerseits aus dem vorrevolutionären Russland übernommen hatten: der Hungerstreik. 

Erstmals von Politischen angewandt, als man sie von den Solowezki-Inseln fortbrachte und in Gefängnissen in Isolationshaft steckte,46 suchten einige an der Tradition auch festzuhalten, als man sie wieder in die Lager zurückbrachte. Mitte der dreißiger Jahre wurden Sozialisten bei Hungerstreiks auch von Anhängern Trotzkis unterstützt. Im Oktober 1936 traten Hunderte Trotzkisten, Anarchisten und andere politische Gefangene in einem Lagpunkt von Workuta in den Hungerstreik, der laut Akten 132 Tage dauerte. Die Ziele waren ohne Frage politischer Natur: Die Streikenden forderten, von den Kriminellen getrennt zu werden, nur acht Stunden am Tag arbeiten zu müssen und unabhängig von der Normerfüllung verpflegt zu werden. Natürlich forderten sie auch die Annullierung ihrer Urteile. In einem anderen Lagpunkt, ebenfalls in Workuta, schlossen sich einem noch größeren Hungerstreik sogar einige Berufsverbrecher an. Dort hielten die Streikenden 115 Tage durch. Im März 1937 entschloss sich die Gulag-Zentrale, die Forderungen der Streikenden zu erfüllen. Bis Ende 1938 waren allerdings die meisten Beteiligten den Massenexekutionen jenes Jahres zum Opfer gefallen.47) 

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Etwa zur selben Zeit streikte eine Gruppe Trotzkisten in einem Transitlager bei Wladiwostok, wo sie auf die Überfahrt zur Kolyma warteten. Sie hielten Versammlungen ab und wählten einen Anführer. Er forderte das Recht, das Schiff zu besichtigen, auf dem sie transportiert werden sollten. Das wurde abgelehnt. Beim Einschiffen sangen sie aber revolutionäre Lieder und entrollten — wenn man den Berichten der NKWD-Informanten Glauben schenken kann — Spruchbänder mit Losungen wie »Es lebe Trotzki, der Genius der Revolution!« und »Nieder mit Stalin!« Als der Dampfer am Bestimmungsort ankam, stellten die Häftlinge neue Forderungen: Jeder sollte seinem Beruf entsprechend beschäftigt und dafür bezahlt werden. Ehepaare sollten nicht getrennt werden. Alle Gefangenen verlangten das Recht, Post ohne Einschränkungen verschicken und empfangen zu dürfen. Prompt traten sie auch hier mehrfach in den Hungerstreik, von denen einer hundert Tage währte. »Die Führung der trotzkistischen Gefangenen an der Kolyma«, resümierte eine zeitgenössische Beobachterin, »lebte in einer Fantasiewelt und ignorierte das reale Kräfteverhältnis.« Sie wurden alle erneut verurteilt und erschossen.48)

Vielleicht wegen dieser vereinzelten Revolten begann das NKWD politische Hungerstreiks und Arbeitsniederlegungen ernster zu nehmen. Seit den späten dreißiger Jahren erhielten die Anführer solcher Aktionen zusätzliche Haftstrafen. Einige wurden auch zum Tode verurteilt. Schlimmer noch waren in den Augen der Lagerleitungen jedoch Arbeitsniederlegungen, denn sie liefen der Hauptbestimmung der Lager zuwider. Ein Gefangener, der nicht arbeitete, verletzte nicht nur die Disziplin, sondern behinderte ernsthaft die Erfüllung der wirtschaftlichen Ziele des Lagers.

Doch selbst die sichere Strafe, ja sogar der Tod konnten die Gefangenen nicht davon abhalten, von Zeit zu Zeit zu rebellieren. Nach Stalins Tod sollte dies sogar massenhaft geschehen. Aber auch als Stalin noch lebte und das Regime am härtesten war, ließ sich der Geist der Rebellion nicht vollkommen ausrotten, wie die bemerkenswerte Geschichte des Aufstandes von Ust-Ussa im Januar 1942 zeigt.

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Diese Revolte ist, soviel wir wissen, in den Annalen des Gulags einzigartig. Wenn es zu Stalins Lebzeiten weitere Massenausbrüche gegeben haben sollte, dann sind sie nicht bekannt geworden. Über Ust-Ussa wissen wir recht viel: Verfälschte Versionen der Geschichte waren im Gulag weit verbreitet. In den letzten Jahren ist sie aber sorgfältig dokumentiert worden.49

Die Revolte wurde — so merkwürdig das klingt — nicht von einem Gefangenen, sondern von einem freien Arbeiter angeführt. Mark Retjunin war damals Verwalter des Lagpunktes Lesoreid, eines kleinen Holzfäller-Camps im Komplex von Workutlag, das zweihundert Gefangene umfasste, davon mehr als die Hälfte politische. Bis 1942 hatte Retjunin im Lagersystem bereits die verschiedensten Erfahrungen gemacht. Wie viele kleine Lager-Chefs war er ein ehemaliger Gefangener. Er hatte zehn Jahre Lagerhaft wegen angeblichen Bankraubes hinter sich. Dennoch vertraute ihm die Lagerleitung, da er als ein Mann galt, der »für die Produktionsinteressen des Lagers sein Leben hingeben würde«. Andere haben ihn abwechselnd als Trinker und Kartenspieler beschrieben — vielleicht ein Hinweis auf eine kriminelle Vergangenheit.

Von welchen Motiven Retjunin sich leiten ließ, ist unklar. Offenbar hatte ihn die Weisung des NKWD nach Kriegsausbruch im Juni 1941 tief schockiert, die es allen politischen Gefangenen verbot, das Lager zu verlassen, selbst denen, deren Strafe abgelaufen war. Afanassi Jaschkin, der einzige Überlebende der ursprünglichen Verschwörer, sagte beim Verhör aus, Retjunin habe befürchtet, man werde alle Lagerinsassen, ob Gefangene oder Freie, hinrichten, sollten die Deutschen tiefer in die Sowjetunion eindringen. »Was haben wir zu verlieren, wenn sie uns sowieso erschießen«, drängte er. »Was ist der Unterschied, ob wir morgen einer Kugel zum Opfer fallen oder heute als Rebellen sterben?«

Über die Vorbereitungen sind keine Einzelheiten bekannt geworden. Retjunin hinterließ keinerlei schriftliche Aufzeichnungen, was nicht verwundern kann. Der Ablauf zeigt jedoch, dass die Revolte sorgfältig geplant war. Am Nachmittag des 24. Januar 1942 traten die Rebellen in Aktion. An diesem Sonnabend wollte die Lagerwache ausführlich das Badehaus nutzen. Als die meisten drinnen waren, schloss sie ein Chinese namens Lu Fa, der an der Verschwörung beteiligt war, rasch ein. Die Übrigen entwaffneten die verbliebenen Wachposten im Handumdrehen.

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Eine Gruppe der Rebellen öffnete das Vorratslager und gab warme Kleidung und feste Schuhe aus. Retjunin hatte für ausreichende Vorräte gesorgt. Er rief die Insassen des Lagers auf, sich dem Aufstand anzuschließen. Das taten nicht alle. Einige hatten Angst, andere sahen, dass die Lage hoffungslos war, wieder andere wollten die Rebellen sogar zum Aufgeben bewegen. Dennoch marschierte gegen 17 Uhr, kaum eine Stunde, nachdem alles begonnen hatte, eine Abteilung von hundert Mann in Reih und Glied in Richtung der nächsten Stadt, Ust-Ussa.

Dort begriffen die Einwohner angesichts der gut gekleideten Truppe zunächst nicht, was geschehen war. In zwei Gruppen griffen die Rebellen das Postamt und das Stadtgefängnis an. Sie hatten Erfolg. Die Gefängniszellen wurden geöffnet, und zwölf dortige Insassen schlossen sich ihnen an. Auf dem Postamt unterbrachen sie als Erstes die Verbindungen zur Außenwelt. Ust-Ussa war unter Kontrolle der Häftlinge.

Jetzt begannen die Stadtbewohner sich zu wehren. Im Zentrum der Stadt brachen offene Kämpfe aus. Die Rebellen entwaffneten mehrere Stadtpolizisten und erbeuteten einige Waffen. Sie rechneten allerdings nicht damit, dass das Polizeigebäude zäh verteidigt würde. Die Kämpfe hielten die ganze Nacht an, und am Morgen hatten die Rebellen beträchtliche Verluste zu beklagen. Neun waren tot und einer verwundet. Vierzig hatte man wieder festgenommen. Die Übrigen verlegten sich auf eine neue Taktik. Sie wollten aus Ust-Ussa abziehen und in die Nachbarstadt Koschwa marschieren. Allerdings wussten sie nicht, dass die Behörden von Ust-Ussa über einen im Wald versteckten Sender bereits Hilfe angefordert hatten. In allen Ausfallstraßen und um die Stadt zogen allmählich bewaffnete Milizionäre auf

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Zunächst aber hatten die Aufständischen Glück. Als Erstes stießen sie auf ein Dorf, wo kaum jemand Widerstand leistete. Auf der dortigen Poststation zapften sie die Telefonleitung an und erfuhren vom Aufmarsch der Miliz. Sie verließen die Straße Richtung Tundra.

Schließlich versteckten sie sich auf einer Rentierfarm. Am Morgen des 28. Januar wurden sie dort jedoch entdeckt. Wieder gab es ein Scharmützel. Die Verluste auf beiden Seiten waren hoch. Als die Nacht hereinbrach, waren die überlebenden Häftlinge — etwa dreißig an der Zahl — jedoch entkommen. Sie verschanzten sich in einer Jagdhütte auf einem nahe gelegenen Berg. Einige wollten weiterkämpfen, obwohl ihnen die Munition ausging und sie kaum noch eine Chance hatten. Andere zogen sich in die Wälder zurück, wo sie zu dieser Jahreszeit ebenfalls nicht überleben konnten.

Zum letzten Gefecht kam es am 31. Januar. Es dauerte einen Tag und eine Nacht. Als die Miliz den Ring geschlossen hatte, erschossen sich einige der Rebellen, darunter Retjunin. Das NKWD verfolgte die Spuren der anderen und spürte einen nach dem anderen in den Wäldern auf. Die Leichen wurden zu einem Haufen aufgeschichtet. Rasend vor Hass verstümmelten die Milizionäre die Toten und fotografierten sie. Die Bilder, die in den Regionalarchiven erhalten sind, zeigen verkrümmte, mit Schnee und Blut bedeckte Körper. Wo sie begraben wurden, ist nicht festgehalten. In der Gegend glaubt man, die Milizionäre hätten sie an Ort und Stelle verbrannt.

Gefangen genommene Rebellen wurden nach Syktywkar, dem zentralen Ort der Region, geflogen, wo man sofort mit den Vernehmungen begann. Nach über sechs Monaten Verhör und Folter erhielten 19 Beteiligte eine weitere Haftstrafe. 49 wurden am 9. August 1942 hingerichtet.

Aber auch die Verteidiger der Sowjetmacht hatten einen hohen Blutzoll entrichten müssen. Dabei war der Verlust einiger Dutzend Wachmänner und Zivilisten nicht die Hauptsorge des NKWD. Laut den Verhörprotokollen »gestand« Jaschkin, Retjunin habe die Regionalbehörden stürzen, ein faschistisches Regime errichten und sich natürlich mit NS-Deutschland verbünden wollen. Angesichts der sowjetischen Verhörmethoden wissen wir, was von einer solchen Aussage zu halten ist.

Wahr ist allerdings, dass diese Erhebung über den typischen Verbrecheraufstand hinausging. Sie hatte offen politische, und zwar antisowjetische Motive. Auch die Beteiligten waren nicht die klassischen kriminellen Ausbrecher, sondern in der Mehrzahl politische Gefangene.

Das NKWD wusste, dass sich die Kunde von diesem Aufstand sehr rasch in den umliegenden Lagern verbreiten würde, wo die Zahl der Politischen in den Kriegsjahren ungewöhnlich hoch war. Einige hatten immer den Verdacht, die Deutschen könnten von den Lagern um Workuta wissen und sie als fünfte Kolonne zu nutzen suchen, sollten sie je so tief in russisches Territorium eindringen. Bis heute halten sich Gerüchte, dass deutsche Spione über der Region abgesprungen seien.

Moskau fürchtete aber vor allem Nachahmungstäter und ergriff daher Maßnahmen. Am 20. August 1942 ging bei allen Lagerchefs im Gulag eine Denkschrift mit dem Titel »Über die zunehmende konterrevolutionäre Tätigkeit in den Besserungsarbeitslagern des NKWD« ein. Darin wurde gefordert, das »konterrevolutionäre und antisowjetische Element« in den Lagern binnen zwei Wochen zu liquidieren. Bei den zahlreichen Ermittlungen, die in der ganzen Sowjetunion daraufhin in Gang gesetzt wurden, wurde eine riesige Zahl angeblicher Verschwörungen »aufgedeckt«, die vom »Volksbefreiungskomitee« in Workuta bis zur »Russischen Gesellschaft für Vergeltung an den Bolschewiken« in Omsk reichten. In einem Bericht aus dem Jahr 1944 heißt es, von 1941 bis 1944 seien in den Lagern 603 Verschwörergruppen mit insgesamt 4640 Beteiligten aufgedeckt worden.50

Ohne Zweifel war die Mehrzahl dieser Gruppen rein fiktiver Natur. Man wollte beweisen, dass das Spitzelsystem der Lager funktionierte. Andererseits waren die Behörden zu Recht beunruhigt: Die Rebellion von Ust-Ussa sollte sich in der Tat als Menetekel erweisen. Sie war zwar niedergeschlagen, aber nicht vergessen, auch nicht die Leiden der hingerichteten Sozialisten und Trotzkisten. Zehn Jahre später nahm eine neue Häftlingsgeneration den politischen Streik wieder auf Mit einer der neuen Zeit gemäßen Taktik setzten sie die Sache der Rebellen und Hungerstreikenden fort.

Diese Geschichte gehört jedoch nicht zum Lagerleben auf dem Höhepunkt des Gulags, sondern in eine spätere Zeit: als der Gulag sich seinem Ende näherte.

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