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10  Die
Sterbenden  

Was heißt das schon: Erschöpfung?
Was heißt das schon: Ermattung?
Angst vor jeder Bewegung
Deiner schmerzenden Arme und Beine.

Schrecklicher Hunger-Träume von Brot.
»Brot, Brot«, schlägt dein Herz.
Fern von dir am trüben Himmel
Eine ungerührte Sonne. 

Dein Atem ein dünnes Pfeifen
Bei fünfzig Grad Frost.
Was bedeutet schon Sterben? 
Die Berge sehen schweigend zu. 

 

Nina Gagen-Torn,
Memoria 1) 

 

361-370

Solange der Gulag existierte, war der unterste Platz in der Lagerhierarchie für die Sterbenden reserviert oder, besser gesagt: für die lebenden Toten. Auf sie wurde mit einer eigenen Sprache Bezug genommen. Man nannte sie »Dochte«, wie Kerzendochte, kurz vor dem Erlöschen der Flamme, aber auch »Scheißefresser« oder »Spülwassersäufer«. Meistens bezeichnete man sie jedoch als Dochodjagi, was man mit »die Ankommenden« übersetzen könnte. In seinem Gulag Handbook weist Jacques Rossi darauf hin, dass dies sarkastisch gemeint war: Die Sterbenden würden schließlich »im Sozialismus ankommen«.2 Andere deuteten es prosaischer: Das Ankommen meine nicht den Sozialismus, sondern das Ende des Lebens.

Klar und unverblümt gesagt, die »Ankommenden« verhungerten. Sie litten an Hunger- und Mangelkrankheiten, an Skorbut, Pellagra und Durchfall in fortschreit­endem Stadium. Zuerst wurden die Zähne locker, und auf der Haut erschienen offene Stellen, Symptome, an denen zuweilen auch die Lagerwachen litten.3) Später kam Nachtblindheit hinzu. Gustaw Herling-Grudzinski erinnert sich »an den Anblick der Nachtblinden, die sich frühmorgens oder am Abend vorsichtig durch das Lager tasteten, wobei sie die Hände wie Fühler weit vor sich streckten«.4

Der Hunger verursachte Magenschmerzen, Schwindelgefühl und grotesk angeschwollene Beine. Thomas Sgovio, der dem Hungertod nahe war, sich aber wieder erholte, stellte eines Morgens beim Erwachen fest, dass eines seiner Beine »purpurrot angelaufen und doppelt so dick war wie das andere. Es juckte, und überall zeigten sich dunkle Flecken.« Bald »wurden die Flecken zu großen Furunkeln, aus denen Blut und Eiter sickerte. Wenn ich mit dem Finger auf eine dieser violett verfärbten Stellen drückte, blieb noch lange eine Vertiefung im Fleisch.«5) 

Im Endstadium des Hungers verloren die Sterbenden nahezu alles Menschliche. Im Grunde erfüllte sich die zynische Rhetorik des Staates: In ihren letzten Tagen waren die Feinde des Volkes keine Menschen mehr. Der Geist verwirrte sich, sie tobten und fantasierten stundenlang. In ihren Augen stand ein besessenes Glühen. Sie irrten umher wie in Trance und konnten ihre Ausscheidungen nicht mehr kontrollieren. Unerträglicher Gestank ging von ihnen aus. Tamara Petkewitsch erinnert sich, wie sie Menschen in diesem Zustand zum ersten Mal sah:

»Hinter dem Stacheldraht erblickte ich eine Gruppe von Geschöpfen, die nur noch entfernt an menschliche Wesen erinnerten ... Es waren zehn Skelette unterschiedlicher Größe, bespannt mit wettergegerbter Haut, die wie Pergament wirkte. Sie gingen alle bis zur Taille nackt, hatten kahl geschorene Köpfe und baumelnde verwelkte Brüste. Ihre einzige Kleidung waren hängende, schmutzige Unterhosen, und ihre Schienbeine ragten aus konkaven Hohlräumen hervor. Frauen! Hunger, Hitze und schwere Arbeit hatten sie zu ausgemergelten Geschöpfen gemacht, die sich, weshalb auch immer, an das letzte Quäntchen Leben klammerten.«6) 

Warlam Schalamow hat eine unvergessliche Beschreibung der Sterbenden in Form eines Gedichtes hinterlassen, in dem er schildert, wie diese einander mit der Zeit immer ähnlicher wurden und alle individuellen Züge verloren:

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»Ich erhebe mein Glas auf einen Weg im Wald, 
auf jene, die dort niedersinken, 
keinen Schritt mehr gehen können 
und ihn doch gehen müssen.

Auf ihre bläulich-starren Lippen,
auf ihre gleichen Gesichter,
auf ihre Mäntel, von Reif bedeckt,
auf ihre Hände ohne Handschuh im Frost.

Auf das Wasser, das aus einer Büchse sie trinken, 
auf den Skorbut, der ihnen die Zähne raubt, 
auf die Fänge strammer grauer Hunde, 
die ihnen morgens rauben den Schlaf.

Auf die gleichgültige Sonne, 
die kalt auf sie niederschaut, 
auf die weißen Grabsteine, 
die der Schneesturm ihnen setzt.

Auf das Stückchen klebriges Brot, 
das sie hastig würgen hinab, 
auf den blassen, endlosen Himmel, 
auf den Fluss Ajan-Jurjach!« 7)

Der Begriff des »Ankommenden« bezeichnete aber nicht nur einen körperlichen Zustand. Diese Häftlinge waren nicht bloß krank: Sie hatten ein Stadium des Hungers erreicht, da ihnen alles gleichgültig war. Dieser Abstieg vollzog sich in Stufen: Der Mensch wusch sich nicht mehr, reagierte nicht mehr normal auf Angriffe anderer und verlor schließlich vor Hunger den Verstand. 

Sgovio war tief schockiert, als er damit zum ersten Mal in Berührung kam. Der Mann war ein amerikanischer Kommunist namens Eisenstein, den er in Moskau kennen gelernt hatte:

»Zuerst erkannte ich meinen Freund gar nicht. Eisenstein zeigte keine Reaktion, als ich ihn begrüßte. Er hatte den Gesichtsausdruck eines Sterbenden. Er schaute durch mich hindurch, als sei ich gar nicht da. Offenbar erkannte er niemanden mehr. Sein Blick war völlig leer. Er war gerade dabei, die leeren Teller im Speiseraum einzusammeln und jeden einzelnen nach Spuren von Essen zu untersuchen. Mit dem Finger fuhr er über die Teller und leckte ihn ab.«

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Wie die anderen »Dochte«, schreibt Sgovio, hatte Eisenstein jedes Gefühl für Würde verloren:

»Sie vernachlässigten sich und wuschen sich nicht, selbst wenn sie die Gelegenheit dazu hatten. Sie suchten auch nicht mehr nach den Läusen, die ihr Blut saugten. Sie wischten sich nicht mehr die Nase mit dem Ärmel ihres Kittels ab ... Ein <Docht> reagierte kaum noch auf Schläge. Wenn ein anderer Sek auf ihn losging, hob er vielleicht die Arme, um den Kopf zu schützen. Er fiel nur hin. Wenn man ihn in Ruhe ließ und er noch konnte, stand er ächzend wieder auf, als sei nichts geschehen. Nach der Arbeit konnte man ihn bei der Küche um Abfälle betteln sehen. Um sich einen Spaß zu machen, schwappte ihm der Koch einen Löffel Suppe ins Gesicht. Dann fuhr der arme Kerl eilig mit seinen Fingern über Wangen und Schläfen und leckte sie ab ... <Dochte> konnte man um die Tische stehen sehen, wo sie darauf warteten, dass jemand etwas Suppe oder Brei übrig ließ. Wenn das geschah, stürzten sich gleich mehrere darauf. Bei der Rangelei wurde der kümmerliche Rest meist verschüttet. Dann gingen alle auf die Knie und balgten so lange miteinander, bis das letzte Tröpfchen des kostbaren Stoffs in ihren Mündern verschwunden war.«8

Die Anziehungskraft der Küche und die Gier nach etwas Essbarem trübte jeden anderen Gedanken, was Gustaw Herling-Grudzinski zu beschreiben versucht:

»Unter den physischen Einwirkungen des Hungers verliert die schon schwankende menschliche Würde ihren letzten Halt. Wie oft habe ich mein blasses Gesicht an die vereiste Scheibe des Küchenfensters gepresst, um mit einem stummen Blick von dem Koch, dem Leningrader Dieb Fedka, eine Extrakelle dünner Suppe zu erbetteln. Und ich erinnere mich, dass mein bester Freund, ein alter Kommunist und Jugendgefährte von Lenin, der Ingenieur Sadowski, mir einmal auf der leeren Plattform vor der Küche meine volle Suppenschüssel entriss, im selben Augenblick mit ihr davonlief und schon, ehe er die Latrine erreicht hatte, das heiße Zeug mit fiebernden Lippen hinunterschlang. Wenn es einen Gott gibt, dann soll er jene gnadenlos bestrafen, die ihre Mitmenschen durch Hunger körperlich und seelisch zerstören.«9

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Jehoschua Gilboa, ein polnischer Zionist, der 1940 verhaftet wurde, schildert sehr plastisch, wie die Gefangenen sich selbst vorzuspiegeln suchten, dass sie mehr aßen, als tatsächlich vorhanden war:

»Wir suchten unseren Magen zu täuschen, indem wir das Brot zerkrümelten, bis es fast wie Mehl war, und es dann mit Salz und viel Wasser vermischten. Diese Köstlichkeit nannten wir <Brotsoße>. Das Salzwasser nahm ein wenig von Farbe und Geschmack des Brotes an. Man trank es und glaubte, man esse Brot. Man gab immer wieder Wasser hinzu, bis der letzte Rest von Brotgeschmack verschwunden war. Mit wenigen hundert Gramm konnte man so eine riesige Illusion erzeugen.« 10) 

Wenn ein Häftling nur noch um die Küche schlich, um Abfälle zu ergattern, dann war der Tod nicht mehr fern. Im Grunde konnte er jeden Augenblick sterben — nachts im Bett, auf dem Weg zur Arbeit, bei einem Gang über das Lagergelände oder wenn er seine Abendsuppe aß. Janusz Bardach erlebte einmal, wie ein Häftling beim abendlichen Zählappell zusammenbrach.

»Sofort war er von Mitgefangenen umringt. <Ich bekomme die Mütze>, sagte einer. Andere rissen ihrem Opfer Schuhe, Fußlappen, Mantel und Hose vom Leib. Um seine Unterwäsche entbrannte ein heftiger Kampf.
Als der am Boden Liegende völlig nackt war, blickte er auf, hob die Hand und klagte leise, aber deutlich hörbar: <Mir ist so kalt.> Dann sank sein Kopf in den Schnee, und sein Blick wurde starr. Ungerührt trollten sich die Räuber mit dem, was sie erbeutet hatten. Jeden Schutzes beraubt, starb der Bedauernswerte letztlich an Unterkühlung.« 11) 

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Häftlinge starben aber nicht nur an Hunger. Manche ließen ihr Leben bei der Arbeit, fielen mangelnder Sicherheit in Fabriken und Bergwerken zum Opfer. Andere, vom Hunger geschwächt, wurden leichte Beute von Krankheiten und Epidemien. 12) 

Gefangene begingen auch Selbstmord. Das scheint merkwürdigerweise ein Tabuthema zu sein. Wie viele diesen Weg wählten, ist schwer zu sagen. Offizielle Statistiken gibt es nicht. Auch unter den Überlebenden gehen die Meinungen darüber, wie groß diese Zahl war, weit auseinander. Nadeschda Mandelstam meint, die Menschen in den Lagern begingen keinen Selbstmord, weil sie so sehr um ihr Leben kämpfen mussten. Diese Überzeugung wird von anderen geteilt.13) Jewgeni Gnedin schreibt, im Gefängnis und später in der Verbannung habe er mehrfach daran gedacht, sich umzubringen, aber während der acht Jahre im Lager »ist es mir nie eingefallen, Selbstmord zu begehen. Jeder Tag war ein neuer Kampf ums Leben: Wie sollte man in dieser Schlacht daran denken, es freiwillig herzugeben? Man hatte ein Ziel — dort herauszukommen — und eine Hoffnung: seine Lieben wiederzusehen.« 14) 

Die Historikerin Catherine Merridale hat eine andere Theorie. Bei ihren Nachforschungen traf sie in Moskau zwei Psychologen, die im Gulag-System gearbeitet hatten. Wie Mandelstam und Gnedin behaupteten auch sie, Selbstmord und Geisteskrankheiten seien dort selten gewesen: »Sie waren überrascht und — leicht beleidigt«, als Merridale Beweise für das Gegenteil vorlegte. Sie schreibt dieses merkwürdige Beharren dem in Russland verbreiteten »Mythos vom Stoizismus« zu, aber es kann dafür auch andere Gründe geben.15) Der Literaturkritiker Zwetan Todorow vermutet, dass die Überlebenden Selbstmorde bestreiten, weil sie die Einzigartigkeit ihres Schicksals hervorheben wollen. Es war dort so schrecklich, dass man nicht einmal den »normalen« Ausweg des Selbstmords wählte: »Der Überlebende [will] vor allem die absolute Fremdheit der Lager ... mitteilen.« 16) 

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Einzelfälle von Selbstmord werden gleichwohl in vielen Memoiren erwähnt. Darunter ist der Suizid eines Jungen, dessen sexuelle Dienste ein Krimineller im Kartenspiel »gewann«.17) Ein anderer berichtet vom Selbstmord eines jungen Sowjetdeutschen, eines Studenten, der folgende Notiz für Stalin hinterließ: »Mein Tod ist eine bewusste Tat des Protestes gegen das an uns begangene Unrecht und gegen die an uns Sowjetdeutschen verübte Gewalt durch NKWD-Organe.«18) Ein Überlebender der Kolyma schreibt, in den dreißiger Jahren sei es häufig vorgekommen, dass ein Häftling rasch und zielbewusst auf die »Todeszone«, das Niemandsland am Lagerzaun, zusteuerte, dort stehen blieb und wartete, bis auf ihn geschossen wurde.19) 

Jewgenia Ginsburg schnitt selbst den Strick durch, mit dem sich ihre Freundin Polina Melnikowa erhängt hatte. Voller Bewunderung schrieb sie, diese habe »ihr Recht auf Menschsein durch eine Tat bekräftigt, die über ihr Leben entschieden hat«.20 Auch Todorow meint, dass viele Überlebende von Gulag und NS-KZ Selbstmord als eine Chance zur freien Willensäußerung betrachteten: »Man ändert den Lauf der Ereignisse, wenn auch zum letzten Mal in seinem Leben, auf eine Weise, die man gewählt hat, statt sich damit zufrieden zu geben, bloß auf diese selben Ereignisse zu reagieren. Diese Selbstmorde werden nicht aus Verzweiflung, sondern wegen der Herausforderung begangen...«21) 

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Der Lagerleitung war es ziemlich gleichgültig, wie ein Gefangener zu Tode kam. Für sie war nur wichtig, die Sterberaten geheim oder zumindest halb geheim zu halten. Kommandanten von Lagpunkten, deren Todesraten als »zu hoch« galten, riskierten Bestrafung.22 Daher versteckten, wie einige ehemalige Häftlinge berichtet haben, Lagerärzte häufig Verstorbene vor einer Inspektion. In manchen Lagern war es auch Praxis, dem Tod geweihte Häftlinge vorzeitig zu entlassen. Dann tauchten sie in der Lagerstatistik nicht als verstorben auf.23) 

Selbst wenn die Toten gemeldet wurden, waren die Angaben nicht immer exakt. Vor allem suchte der Lagerkommandant sicherzustellen, dass der Arzt im Totenschein nicht »Hunger« als Todesursache vermerkte. So wurde der Chirurg Isaac Vogelfanger direkt angewiesen, stets »Herzversagen« anzugeben, egal, was der wahre Grund sein mochte.24 Das konnte aber auch Verdacht auslösen: In einem Lager kamen so viele Fälle von »Herzversagen« vor, dass die Kontrollbehörde stutzig wurde. Die Staatsanwaltschaft zwang die Ärzte, die Leichen zu exhumieren, und stellte fest, dass die meisten in Wirklichkeit an Pellagra gestorben waren.25 Solche Zustände waren allerdings nicht immer auf Vorsatz zurückzuführen. In einem anderen Lager herrschte ein solches Durcheinander in den Akten, beklagte sich ein Inspektor, dass »Tote als Lebende, Flüchtige als anwesend und umgekehrt geführt werden«.26) 

Auch vor den Häftlingen wurden Todesfälle häufig geheim gehalten. Zwar war das nicht immer möglich — eine Gefangene berichtet, dass Leichen »aufgetürmt neben dem Zaun [lagen], bis es taute«27) —, aber vernebeln konnte man die Tatsachen schon. In vielen Lagern wurden Verstorbene nachts abgeholt und an einen geheimen Ort gebracht.

Ebenfalls geheim gehalten wurde das Anlegen von Massengräbern, weil es laut Vorschrift verboten war. Das bedeutet nicht, dass es nicht überall vorkam. 

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An allen Standorten früherer Lager gibt es Anzeichen für Massengräber, die manchmal sogar noch in der Gegenwart für Unruhe sorgen: Der Dauerfrostboden im Hohen Norden hält Leichen nicht nur frisch, manche so, wie sie begraben wurden, sondern verschiebt und bewegt sie auch beim jährlichen Wechsel aus Tauwetter und neuem Frost, wie Schalamow schreibt: »Der Norden wehrte sich mit aller Macht gegen dieses Menschenwerk. Die Erde wollte die Toten nicht in ihren Schoß aufnehmen. Sie tat sich wieder auf und gab ihre innersten Schatzkammern frei, die nicht nur Gold und Blei, Wolfram und Uran bargen, sondern auch nicht verwesende menschliche Körper.«28) 

Nichtsdestoweniger sollte es die dort nicht geben. 1946 gab die Gulag-Zentrale an alle Lagerkommandanten Weisung aus, dass Tote einzeln, in ein Leichentuch gehüllt, in Gräbern von mindestens 1,5 Meter Tiefe beizusetzen waren. Die Gräber sollten zwar nicht mit dem Namen, aber zumindest mit einer Nummer gekennzeichnet werden. Nur der Aktenverwalter des Lagers sollte wissen, wer wo begraben war.29) 

Das klingt alles sehr zivilisiert. In einer anderen Weisung hieß es dann wieder, dass es erlaubt sei, toten Häftlingen Goldzähne zu entfernen. Das sollte unter Aufsicht einer Kommission aus Vertretern des medizinischen Dienstes, der Lagerführung und der Finanzabteilung des Lagers geschehen. Das Gold sollte bei der nächsten Staatsbank abgeliefert werden. Es ist allerdings schwer vorstellbar, dass solche Kommissionen oft zusammentraten. Wo es zu viele Leichen gab, war es die einfachste Sache von der Welt, Goldzähne zu unterschlagen und dafür zu sorgen, dass das nicht ruchbar wurde.30) 

Es gab in der Tat zu viele Leichen. Das war letztlich das Schreckliche am Tod hinter Stacheldraht, wie Herling-Grudzinski schreibt:

»Noch etwas machte den Tod im Lager so furchtbar: seine Anonymität. Wir hatten keine Ahnung, wo man die Toten begrub oder ob nach dem Tod eines Gefangenen irgendein — und sei es der schlichteste — Totenschein ausgestellt wurde ... Die Gewissheit, dass niemand jemals von ihrem Tode benachrichtigt würde, noch erfahren würde, wo man sie begrub, war eine der größten seelischen Qualen der Gefangenen...

Überall hatten Gefangene ihre Namen und Geburtsdaten in die Barackenwände geritzt und baten ihre Freunde, nach ihrem Tode den Todestag und ein Kreuz hinzuzufügen. Jeder schrieb möglichst in gleichmäßigen Abständen nach Hause, damit die Angehörigen wenn einmal länger keine Nachricht von dem Betreffenden kam daraus ersehen konnten, dass er inzwischen gestorben und zugleich, wann er gestorben war.«31)

Trotz der Bemühungen der Häftlinge sind viele Tote unbemerkt verstorben, wurden nicht registriert und dem Vergessen anheim gegeben. Es gab keinen Totenschein, Verwandte wurden nicht benachrichtigt, und die hölzernen Merkzeichen verfielen. Wenn man über alte Lagergelände im Hohen Norden geht, sieht man die Reste von Massengräbern: den unebenen, zerwühlten Boden, die jungen Kiefern, das hohe Gras, das Grabstellen überwuchert, die ein halbes Jahrhundert alt sind. 

Manchmal stellt eine lokale Gruppe ein Denkmal auf. Meist aber erinnert gar nichts an den Ort. Namen, Leben, Familienbande und Geschichte — alles verloren. 

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